Wie Milliarden Wandertauben in wenigen Jahrzehnten verschwanden
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gehörte die Wandertaube zu den häufigsten Vögeln der Erde. Milliarden Tiere zogen in riesigen Schwärmen über Nordamerika. Weniger als hundert Jahre später war die Art aus der freien Natur verschwunden – und 1914 starb mit Martha die letzte bekannte Wandertaube. Moderne Genomforschung hilft heute zu verstehen, warum selbst eine scheinbar unerschöpflich große Population nicht vor dem Aussterben geschützt war. (Smithsonian Institution)
Ein Himmel voller Vögel
Es ist heute kaum vorstellbar.
Zwischen drei und fünf Milliarden Wandertauben (Ectopistes migratorius) könnten einst in Nordamerika gelebt haben. Damit gehörte die Art zu den häufigsten Vögeln des Kontinents. (Smithsonian Institution)
Ihre Schwärme waren gigantisch.
Historische Berichte beschreiben Formationen, die etwa eine Meile breit waren und so viele Vögel enthielten, dass sich der Himmel verdunkelte. Manche Schwärme benötigten Stunden oder sogar Tage, um einen Ort vollständig zu überqueren. (Smithsonian Institution)
Für die Menschen jener Zeit musste es deshalb beinahe unmöglich erscheinen, dass dieses Tier jemals verschwinden könnte.
Doch genau das geschah.
Milliarden Tiere bedeuteten keinen Schutz
Die Wandertauben lebten in riesigen sozialen Verbänden.
Auch ihre Brutkolonien konnten außergewöhnliche Dimensionen erreichen. Die Vögel waren an große Wälder und das Leben in großen Gruppen angepasst. (Smithsonian Institution)
Ihre enorme Zahl erzeugte jedoch eine gefährliche Illusion:
Es schien, als könne der Mensch gar nicht genug Tiere töten, um die Art ernsthaft zu gefährden.
Eine historische Einschätzung aus Ohio von 1857 erklärte sogar sinngemäß, die Wandertaube benötige keinen Schutz, weil ihre gewaltigen Bestände durch gewöhnliche Verluste nicht vermindert werden könnten. (Smithsonian Research Online)
Heute wissen wir, wie falsch diese Annahme war.
Die industrielle Jagd verändert alles
Wandertauben wurden schon lange gejagt.
Im 19. Jahrhundert veränderten jedoch neue Verkehrs- und Kommunikationsmöglichkeiten die Dimension dieser Nutzung. Professionelle Jäger konnten große Brut- und Rastplätze ausfindig machen, enorme Mengen Vögel töten und die Tiere anschließend über Eisenbahnverbindungen zu städtischen Märkten transportieren.
Allein aus Van Buren County in Michigan wurden 1869 rund 7,5 Millionen Wandertauben für den Verkauf in den Osten verschickt. (blog.library.si.edu)
Die Tatsache, dass die Vögel sich in riesigen Gruppen versammelten, hatte ihnen gegenüber natürlichen Fressfeinden lange Vorteile verschafft.
Gegenüber Menschen wurde dieselbe Strategie zum Problem.
Wo sich Hunderttausende Tiere an einem Ort versammelten, konnten auch Hunderttausende erreicht und getötet werden. (Smithsonian Institution)
Gleichzeitig verschwanden ihre Wälder
Die Jagd war nicht der einzige Druck.
Die Wandertaube war eng mit den großen Laubwäldern Nordamerikas verbunden. Mit der Ausbreitung von Landwirtschaft, Siedlungen und Holzeinschlag wurden immer größere Waldflächen verändert oder beseitigt.
Damit gingen Brutplätze und Nahrungsräume verloren.
Der Smithsonian fasst die wichtigsten Ursachen des Zusammenbruchs deshalb mit intensiver Jagd und Entwaldung beziehungsweise Lebensraumverlust zusammen. (Smithsonian Institution)
Eine Art, die in Milliarden gezählt worden war, begann zu verschwinden.
Und als der Rückgang offensichtlich wurde, war er bereits weit fortgeschritten.
Von Milliarden zu fast nichts
Im späten 19. Jahrhundert wurden Wandertauben zunehmend selten.
Um 1900 verschwanden die letzten bestätigten Tiere aus der freien Natur. Danach wurden intensive Suchen durchgeführt und sogar Belohnungen für den Nachweis einer wilden Brutkolonie angeboten.
Sie blieben erfolglos. (Smithsonian Institution)
Nur einige Tiere lebten noch in Gefangenschaft.
Auch Zuchtversuche konnten die Art nicht mehr retten.
Schließlich blieb nur noch eine einzige bekannte Wandertaube übrig.
Ihr Name war Martha.
Martha – die letzte ihrer Art
Martha lebte im Cincinnati Zoo.
Nachdem ihre letzten männlichen Artgenossen 1910 gestorben waren, galt sie als letzte bekannte Vertreterin ihrer gesamten Art.
Am 1. September 1914 wurde Martha tot in ihrem Gehege gefunden.
Sie war ungefähr 29 Jahre alt. (Smithsonian Naturhistorisches Museum)
Ihr Körper wurde konserviert und befindet sich heute in der Sammlung des Smithsonian National Museum of Natural History in Washington.
Mit ihrem Tod war eine Tierart verschwunden, die nur wenige Jahrzehnte zuvor zu den häufigsten Vögeln Nordamerikas gehört hatte. (Smithsonian Naturhistorisches Museum)
Doch die Geschichte endete nicht 1914
Mehr als hundert Jahre später können Wissenschaftler Wandertauben noch immer untersuchen.
Museumsexemplare bewahren nicht nur Federn und Knochen.
Sie enthalten auch DNA.
Mit modernen Sequenzierungsmethoden können Forschende Teile dieser genetischen Information analysieren und damit Fragen untersuchen, die zu Marthas Lebzeiten niemand beantworten konnte.
Eine der faszinierendsten lautet:
Wie konnte eine Population von mehreren Milliarden Tieren so schnell zusammenbrechen?
Was die DNA der Wandertauben verrät
2017 veröffentlichte ein internationales Forschungsteam in Science eine umfangreiche genetische Untersuchung.
Analysiert wurden 41 mitochondriale Genome und vier Kerngenome von Wandertauben. Zum Vergleich untersuchten die Forschenden außerdem Genome der heute lebenden Schuppenhalstaube (Patagioenas fasciata), einer nahen Verwandten. (PubMed)
Das Ergebnis war überraschend.
Eine Population von Milliarden Tieren sollte theoretisch eine entsprechend enorme neutrale genetische Vielfalt besitzen.
Doch genau das fanden die Forschenden nicht.
Die genetische Vielfalt der Wandertaube war gemessen an ihrer riesigen Populationsgröße erstaunlich niedrig. (PubMed)
Eine riesige Population mit einem ungewöhnlichen Genom
Die Forschenden kamen zu dem Schluss, dass die enorme Populationsgröße selbst eine wichtige Rolle gespielt haben könnte.
In einer sehr großen Population kann natürliche Selektion besonders effektiv wirken.
Vorteilhafte genetische Varianten können sich ausbreiten, während schädliche Mutationen effizienter entfernt werden. Durch genetische Prozesse, die mit dieser starken Selektion verbunden sind, kann gleichzeitig neutrale genetische Vielfalt in bestimmten Bereichen des Genoms reduziert werden. (PubMed)
Die Wissenschaftler fanden deshalb starke Unterschiede zwischen verschiedenen Regionen des Wandertauben-Genoms.
Das ist wichtig, weil eine frühere genetische Untersuchung von 2014 eine andere Erklärung vorgeschlagen hatte.
Wissenschaft verändert sich mit neuen Daten
Eine Studie von 2014 hatte anhand genetischer und ökologischer Analysen vorgeschlagen, dass die Wandertaube langfristig starke natürliche Populationsschwankungen erlebt haben könnte.
Solche Schwankungen hätten die Art zusätzlich anfällig für die massive menschliche Nutzung machen können. (PubMed)
Die umfangreichere Genomanalyse von 2017 kam jedoch zu einer anderen Interpretation.
Sie argumentierte, dass die ungewöhnlich geringe neutrale genetische Vielfalt besser durch die starke Wirkung natürlicher Selektion in einer sehr großen Population erklärt werden könne und dass frühere Populationsinstabilität nicht notwendig sei, um den überraschenden genetischen Befund zu erklären. (PubMed)
Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie Wissenschaft funktioniert.
Eine Untersuchung liefert eine Erklärung.
Neue Daten ermöglichen eine genauere Prüfung.
Und wissenschaftliche Modelle werden anschließend bestätigt, verändert oder ersetzt.
War die Genetik also schuld am Aussterben?
Nein.
Das wäre eine falsche Schlussfolgerung.
Die Genomforschung erklärt interessante Eigenschaften der Population und hilft uns, ihre Geschichte besser zu verstehen.
Der dramatische Zusammenbruch der Wandertaube wird jedoch vor allem mit menschlichen Einflüssen verbunden: massiver kommerzieller Jagd und großflächigem Verlust ihrer Waldlebensräume. (Smithsonian Institution)
Die genetischen Untersuchungen machen die Geschichte deshalb nicht weniger dramatisch.
Sie machen sie noch interessanter.
Denn sie zeigen, dass die einfache Gleichung
„sehr viele Tiere = sichere Art“
nicht funktioniert.
Die vielleicht wichtigste Lektion der Wandertaube
Menschen sahen Milliarden Vögel und glaubten, diese Ressource könne niemals verschwinden.
Doch Größe allein bedeutete keine Unverwundbarkeit.
Die besondere Lebensweise der Wandertaube, ihre großen Ansammlungen, die Veränderungen ihrer Wälder und eine immer effizientere kommerzielle Jagd bildeten eine Kombination, der die Art schließlich nicht standhalten konnte. (Smithsonian Institution)
Deshalb hat ihre Geschichte bis heute Bedeutung für den Naturschutz.
Auch eine Art, die heute häufig erscheint, kann unter starkem und dauerhaftem Druck zurückgehen.
Der Smithsonian fasst diese Lehre treffend als Aufgabe zusammen, häufige Vögel häufig zu erhalten. (Smithsonian Institution)
Wissenschaft & Zukunft
Die Wandertaube gehört auch zu den Tieren in „Wenn Träume Wirklichkeit werden“.
Ihre Geschichte stellt eine besonders eindringliche Frage.
Was hätte ein Mensch im Jahr 1800 gedacht, wenn man ihm gesagt hätte, dass diese Milliarden Vögel bald vollständig verschwunden sein würden?
Wahrscheinlich hätte er es kaum geglaubt.
Genau darin liegt die Bedeutung dieser Geschichte.
Naturschutz beginnt nicht erst dann, wenn nur noch zehn Tiere existieren.
Er beginnt viel früher.
Wenn wir Lebensräume beobachten, Veränderungen ernst nehmen und wissenschaftliche Erkenntnisse nutzen, können wir möglicherweise handeln, bevor eine häufige Art selten und eine seltene Art zur Erinnerung wird.
1914 konnte Martha nicht mehr gerettet werden.
Heute aber kann ihre Geschichte anderen Arten helfen.
Und vielleicht ist das die wichtigste Frage, die uns die Wandertaube hinterlassen hat:
Müssen wir wirklich warten, bis etwas selten wird, bevor wir erkennen, wie wertvoll es ist?
Wissenschaftliche Quellen
Die zentrale Genomstudie wurde 2017 in Science veröffentlicht: Murray, G. G. R. et al., Natural selection shaped the rise and fall of passenger pigeon genomic diversity. Sie untersuchte historische DNA und zeigte die ungewöhnliche Beziehung zwischen der enormen Populationsgröße und der genetischen Vielfalt der Wandertaube. (PubMed)
Historische Informationen über Martha, die Populationsgröße und das Aussterben stammen insbesondere aus den Sammlungen und der Forschung des Smithsonian National Museum of Natural History. (Smithsonian Institution)
Smithsonian – Martha, the Last Passenger Pigeon
Bücher für die Zukunft – Wissenschaft & Zukunft
www.buecherfuerdiezukunft.ch