Was steckt hinter dem, was wir konsumieren?
Kakao, Palmöl und Kaffee: Wie unser Konsum in der Schweiz mit Menschen, Landschaften und Ökosystemen auf anderen Kontinenten verbunden ist
Wenn wir Schokolade, Kaffee, Kekse, Kosmetik oder Reinigungsmittel kaufen, sehen wir meistens nur das fertige Produkt. Doch hinter jedem Produkt steckt eine viel längere Geschichte: Pflanzen, Böden, Wasser, Menschen, Arbeit, Transport – und ein Ökosystem.
Die Frage lautet deshalb nicht einfach, ob wir bestimmte Produkte konsumieren oder darauf verzichten sollten.
Viel wichtiger ist:
Wissen wir, woher sie kommen, wie sie produziert werden und welche Auswirkungen ihre Herstellung auf Menschen und Natur haben kann?
Die Schweiz ist Teil vieler internationaler Lieferketten. Gleichzeitig beteiligt sie sich an verschiedenen Programmen, die dazu beitragen sollen, diese Lieferketten nachhaltiger zu gestalten.
Kakao – Ghana und die Schweiz
Ghana gehört zu den wichtigsten Herkunftsländern für Kakao, der in der Schweiz verarbeitet wird. Nach Angaben des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten stammt ein bedeutender Teil des in der Schweiz verwendeten Kakaos aus Ghana.
Für viele Familien in ländlichen Regionen Ghanas ist Kakao eine wichtige Einkommensquelle. Gleichzeitig hat die Ausweitung der Landwirtschaft in der Vergangenheit zur Entwaldung beigetragen. Die ghanaische Regierung behandelt deshalb den Schutz der Wälder als wichtigen Bestandteil einer nachhaltigeren Kakaoproduktion.
Mit der Cocoa & Forests Initiative sollen unter anderem weitere Waldverluste verhindert, geschädigte Landschaften wiederhergestellt und bestehende Waldgebiete geschützt werden. Gleichzeitig geht es darum, die Produktion auf bereits landwirtschaftlich genutzten Flächen zu verbessern.
Das zeigt:
Kakao zu produzieren muss nicht automatisch bedeuten, immer weitere Waldflächen in Plantagen umzuwandeln.
Doch hinter dem Kakao stehen auch Menschen. Ländliche Gebiete Ghanas unterscheiden sich in ihren Lebensbedingungen teilweise deutlich von städtischen Regionen. Fragen nach Einkommen, Bildung, Gesundheitsversorgung, Arbeitsbedingungen und dem Risiko von Kinderarbeit gehören deshalb ebenfalls zur Diskussion über nachhaltigen Kakao.
Was macht die Schweiz?
Die Schweiz engagiert sich unter anderem über die Swiss Platform for Sustainable Cocoa. Unterstützt durch das Staatssekretariat für Wirtschaft SECO bringt sie Unternehmen, öffentliche Institutionen und weitere Akteure zusammen.
Die Zusammenarbeit verfolgt unter anderem Ziele wie bessere Lebensbedingungen für Produzentenfamilien, die Bekämpfung von Kinderarbeit, eine bessere Rückverfolgbarkeit des Kakaos sowie eine Produktion, die Wälder und Klima stärker berücksichtigt. Programme werden unter anderem in Ghana, Peru und Kolumbien umgesetzt.
Palmöl – Indonesien und die Schweiz
Indonesien gehört zu den weltweit bedeutendsten Produzenten von Palmöl.
Für Millionen Menschen bildet der Palmölsektor direkt oder indirekt eine wirtschaftliche Lebensgrundlage. Deshalb wäre es zu einfach, Palmöl grundsätzlich als „schlecht“ zu bezeichnen.
Die entscheidende Frage ist vielmehr:
Wo und wie wird es produziert?
Wenn für neue Plantagen natürliche tropische Ökosysteme umgewandelt werden, können Lebensräume für Pflanzen, Insekten, Vögel und Säugetiere verloren gehen. Auch Böden, Kohlenstoffspeicherung und Wasserhaushalt einer Landschaft können sich verändern.
Die Herausforderung besteht deshalb darin, Produktion und Naturschutz besser miteinander zu verbinden: bestehende landwirtschaftliche Flächen effizient und verantwortungsvoll zu nutzen, natürliche Lebensräume zu erhalten und geschädigte Ökosysteme wiederherzustellen.
Was macht die Schweiz?
Zwischen der Schweiz beziehungsweise den EFTA-Staaten und Indonesien besteht ein Freihandelsabkommen. Für bestimmte Zollvergünstigungen bei Palmöl gelten besondere Nachhaltigkeits- und Rückverfolgbarkeitsanforderungen. Damit verbindet die Schweiz Handelsvorteile mit konkreten Nachhaltigkeitsbedingungen.
Darüber hinaus unterstützt die Schweiz über SECO Programme in Indonesien, die nachhaltige Landschaftsentwicklung fördern.
Das Sustainable Landscape Program Indonesia arbeitet unter anderem in Palmölregionen auf Sumatra und Kalimantan. Dabei geht es um weniger Entwaldung, den Schutz der Biodiversität, die Wiederherstellung geschädigter Ökosysteme sowie bessere Bedingungen für Produzenten und Beschäftigte.
Aus früheren Programmphasen werden bereits konkrete Ergebnisse gemeldet: geschützte natürliche Ökosysteme, wiederhergestellte degradierte Flächen sowie Tausende Kleinproduzenten, die bei einer nachhaltigeren Palmölproduktion unterstützt beziehungsweise zertifiziert wurden.
Das macht deutlich:
Die Lösung muss nicht darin bestehen, ein Produkt einfach zu verbannen. Eine wichtige Aufgabe besteht darin, Produktion so zu verändern, dass Natur, Menschen und Landwirtschaft langfristig nebeneinander bestehen können.
Kaffee – Kolumbien und die Schweiz
In Kolumbien leben Hunderttausende Familien vom Kaffeeanbau. Ein grosser Teil der Produktion stammt von kleinen landwirtschaftlichen Betrieben.
Damit steckt hinter einer Tasse Kaffee nicht nur eine internationale Handelsware. Dahinter stehen Familien, Gemeinden und ganze ländliche Regionen.
Diese Regionen stehen gleichzeitig vor sozialen und wirtschaftlichen Herausforderungen. Dazu gehören informelle Beschäftigung, unterschiedliche wirtschaftliche Möglichkeiten sowie teilweise schwierigere Zugänge zu Dienstleistungen in abgelegenen Gebieten.
Auch bei Bildung und Gesundheitsversorgung versucht Kolumbien, Unterschiede zwischen städtischen und ländlichen Regionen weiter zu reduzieren.
Kaffee und Natur
Auch hier ist eine wichtige Unterscheidung notwendig:
Kaffeeplantage ist nicht gleich Kaffeeplantage.
Kaffee kann in sehr unterschiedlichen landwirtschaftlichen Systemen wachsen. Systeme mit Schattenbäumen und vielfältiger Vegetation können beispielsweise mehr Lebensräume erhalten als stark vereinfachte Anbausysteme.
Deshalb beschäftigen sich heutige Nachhaltigkeitsprogramme zunehmend mit regenerativer Landwirtschaft, entwaldungsfreier Produktion, Klimaschutz und der Wiederherstellung geschädigter Ökosysteme.
Was macht die Schweiz?
Die Swiss Platform for Sustainable Coffee bringt inzwischen zahlreiche Akteure der Schweizer Kaffeebranche und weitere Organisationen zusammen.
Ihre Roadmap 2030 umfasst unter anderem bessere Einkommen für Produzentenfamilien, die Bekämpfung von Kinder- und Zwangsarbeit, entwaldungsfreie Kaffeeproduktion, die Wiederherstellung geschädigter Ökosysteme, regenerative Landwirtschaft, Emissionsreduktionen und transparentere Nachhaltigkeitsstandards.
Auch direkt in Kolumbien unterstützt die Schweiz Projekte.
Das von SECO unterstützte Programm Colombia más Competitiva fördert nachhaltige Wertschöpfungsketten und soll Wettbewerbsfähigkeit, ländliche Entwicklung, Beschäftigung und nachhaltigere Produktionsformen miteinander verbinden.
Ein Produkt kommt nie allein
Wenn wir diese drei Beispiele betrachten, erkennen wir eine Verbindung, die im Supermarkt kaum sichtbar ist.
Eine Tafel Schokolade kann uns mit einer Bauernfamilie und einer Landschaft in Ghana verbinden.
Ein Produkt mit Palmöl kann uns mit einer Plantage und einem tropischen Ökosystem in Indonesien verbinden.
Eine Tasse Kaffee kann uns mit einer kleinen Farm in den Bergen Kolumbiens verbinden.
Der Supermarkt ist also nicht der Anfang der Geschichte. Er ist beinahe ihr Ende.
Davor kommen:
Boden → Wasser → Pflanzen → Tiere → Menschen → Arbeit → Verarbeitung → Transport → Handel → Produkt
Biodiversität, Wasser und Landwirtschaft gehören zusammen
Wenn ein vielfältiges Ökosystem in eine stark vereinfachte landwirtschaftliche Fläche umgewandelt wird, verschwinden nicht nur einzelne Bäume.
Lebensräume und Nahrungsquellen für Tiere können sich verändern. Insekten und Bestäuber können betroffen sein. Auch Boden, Kohlenstoffspeicherung sowie die Art und Weise, wie Wasser in einer Landschaft gespeichert, gefiltert und weitergeleitet wird, können sich verändern.
Biodiversität zu schützen bedeutet deshalb nicht nur, einzelne Tierarten zu retten.
Es bedeutet, die Beziehungen zu erhalten, durch die ein Ökosystem funktioniert.
Auch in landwirtschaftlich genutzten Landschaften gibt es Möglichkeiten: natürliche Korridore erhalten, Flussufer schützen, Waldflächen bewahren, Bäume in Anbausysteme integrieren, geschädigte Böden regenerieren und nicht mehr produktive Flächen renaturieren.
Müssen wir deshalb auf diese Produkte verzichten?
Das ist nicht die Botschaft.
Kakao, Kaffee und Palmöl schaffen Einkommen und Arbeitsplätze und sind für Millionen Menschen wirtschaftlich wichtig.
Ein vollständiger oder plötzlicher Verzicht könnte deshalb ebenfalls soziale und wirtschaftliche Folgen haben.
Viel wichtiger ist es, Fragen zu stellen:
Woher kommt das Produkt?
Wie wurde es produziert?
Ist seine Herkunft nachvollziehbar?
Wurden natürliche Wälder geschützt?
Unter welchen Bedingungen arbeiten die Menschen?
Werden geschädigte Ökosysteme wiederhergestellt?
Und wer überprüft diese Aussagen?
Bewusster Konsum kann mit etwas sehr Einfachem beginnen:
Das Etikett lesen.
Ein Etikett kann der Anfang einer Forschungsreise sein
Schau dir ein Produkt bei dir zu Hause an.
Vielleicht findest du darauf:
Kakao · Kaffee · Palmöl · Soja · Baumwolle · Kokos · Zucker
Dann stelle eine einfache Frage:
Woher kommt das?
Aus dieser einen Frage können viele weitere entstehen.
Wie sieht die Landschaft dort aus?
Welche Tiere leben dort?
Woher kommt das Wasser?
Wie leben die Menschen?
Wie wird der Rohstoff angebaut?
Welche Probleme gibt es?
Und welche Lösungen werden bereits ausprobiert?
Die Verbindung zu Bücher für die Zukunft
Genau diese Art, die Welt zu betrachten, gehört zum Bildungsgedanken von Bücher für die Zukunft.
Wir wollen Kindern nicht einfach alle Antworten geben.
Wir möchten sie ermutigen, selbst bessere Fragen zu stellen.
LESEN → FRAGEN → FORSCHEN → VERGLEICHEN → DISKUTIEREN → IDEEN ENTWICKELN → HANDELN
Deshalb kann diese Recherche später auch Teil des Zukunftsteams werden.
Kinder können zu Hause Produktetiketten untersuchen, Rohstoffe entdecken und gemeinsam eine Weltkarte erstellen:
PRODUKT → ROHSTOFF → LAND → MENSCHEN → ÖKOSYSTEM → HERAUSFORDERUNG → LÖSUNG
So kann etwas so Alltägliches wie eine Tafel Schokolade zum Ausgangspunkt einer Reise um die Welt werden.
Was können wir tun?
Es gibt nicht die eine Lösung.
Wir können uns informieren.
Wir können Produkte und Lieferketten vergleichen.
Wir können lernen, was Nachhaltigkeitssiegel tatsächlich aussagen – und was nicht.
Wir können Unternehmen fragen, woher ihre Rohstoffe stammen.
Wir können Projekte unterstützen, die Wälder, Wasser und Biodiversität schützen und geschädigte Landschaften wiederherstellen.
Und wir können lernen, dass Konsum, Landwirtschaft und Naturschutz nicht zwangsläufig Gegensätze sein müssen.
Denn bevor wir etwas verändern können, müssen wir zunächst verstehen, wie alles miteinander verbunden ist.
Bücher für die Zukunft
Lesen · Entdecken · Handeln
Francisco Cantuarias Rey