Kann die Wissenschaft den Tasmanischen Tiger zurückbringen?

Der Tasmanische Tiger verschwand vor 90 Jahren. Heute versuchen Forschende, mithilfe von Genomsequenzierung, Stammzellforschung, Genomeditierung und Reproduktionstechnologien Eigenschaften dieses ausgestorbenen Beuteltiers biologisch wiederherzustellen. Doch 2026 gilt weiterhin: Es gibt keinen wiederbelebten Tasmanischen Tiger. Das Projekt ist Forschung – und genau deshalb ist es wissenschaftlich so spannend. (DOI)

Ein Tier, das der Mensch verschwinden ließ

Der Tasmanische Tiger oder Beutelwolf (Thylacinus cynocephalus) war trotz seines Namens kein Tiger. Er war ein fleischfressendes Beuteltier und an den dunklen Streifen auf seinem Rücken leicht zu erkennen.

Einst lebten Beutelwölfe auch auf dem australischen Festland. Später überlebten sie nur noch auf Tasmanien. Dort wurden sie verfolgt und systematisch getötet, unter anderem weil man sie für Verluste bei Nutztieren verantwortlich machte. Eine staatliche Prämie förderte die Jagd zusätzlich. (OUP Academic)

Der letzte bekannte Beutelwolf starb 1936 in Gefangenschaft.

Damit verschwand eine Tierart, die heute zu einem Symbol dafür geworden ist, welche Folgen menschliches Handeln für die biologische Vielfalt haben kann. (The University of Melbourne)

Aber etwas von ihm ist geblieben

In Museen befinden sich bis heute konservierte Exemplare und Gewebe des Beutelwolfs.

Darin steckt etwas außerordentlich Wertvolles:

genetische Information.

Bereits vor Jahren gelang es Forschenden, das Genom des Tasmanischen Tigers zu rekonstruieren. Eine 2022 veröffentlichte Arbeit präsentierte eine deutlich verbesserte Genomassemblierung auf Chromosomenebene. (OUP Academic)

Die Forschungsgruppe der University of Melbourne bezeichnet das heute verfügbare Beutelwolfgenom als außergewöhnlich hochwertig für eine ausgestorbene Tierart. (School of BioSciences)

Doch ein Genom auf einem Computer ist noch kein lebendes Tier.

Und genau hier beginnt der schwierigste Teil der Geschichte.

Ein lebender Verwandter als Ausgangspunkt

Das Forschungsteam um Professor Andrew Pask arbeitet dafür mit lebenden australischen Beuteltieren.

Eine wichtige Modellart ist der Fettschwanz-Schmalfußbeutler (Sminthopsis crassicaudata), auf Englisch fat-tailed dunnart.

Sein Genom wurde ebenfalls detailliert sequenziert. Forschende können dadurch genetische Unterschiede zwischen einem lebenden Beuteltier und dem ausgestorbenen Beutelwolf untersuchen. (School of BioSciences)

Die Idee besteht vereinfacht gesagt darin, herauszufinden:

Welche genetischen Veränderungen wären notwendig, damit Zellen eines lebenden Verwandten immer stärker die biologischen Eigenschaften eines Beutelwolfs erhalten?

Dafür werden unter anderem moderne Verfahren der Genomeditierung erforscht. (DOI)

Der Weg führt über Zellen

Eine der entscheidenden Voraussetzungen sind geeignete Beuteltierzellen.

Das Forschungsteam hat bereits pluripotente Stammzellen des Fettschwanz-Schmalfußbeutlers entwickelt. Solche Zellen sind besonders interessant, weil sie sich grundsätzlich in unterschiedliche Zelltypen entwickeln können und damit eine wichtige Grundlage für weitere genetische und reproduktionsbiologische Forschung darstellen. (The University of Melbourne)

Danach wird es jedoch wesentlich komplizierter.

Gene beziehungsweise regulatorische Bereiche müssten identifiziert und verändert werden. Geeignete Fortpflanzungszellen oder Embryonen müssten entstehen. Eine Schwangerschaft beziehungsweise Embryonalentwicklung müsste funktionieren. Schließlich müsste ein gesundes Jungtier geboren werden und sich normal entwickeln.

Die Forschung von 2026 beschreibt genau diese Herausforderungen: Neben immer präziseren Methoden der Genomeditierung werden Stammzelltechnologien, künstliche Keimzellen, Embryomodelle und Möglichkeiten künstlicher Trächtigkeit als wichtige Bestandteile zukünftiger De-Extinction-Forschung untersucht. (DOI)

Würde das wirklich ein Tasmanischer Tiger sein?

Hier liegt eine der wichtigsten wissenschaftlichen Fragen.

Die Forschenden verfügen nicht über lebende Beutelwolfzellen, aus denen einfach ein identischer Klon hergestellt werden könnte.

Stattdessen soll das Erbgut eines lebenden Verwandten verändert werden.

Das bedeutet, dass ein zukünftiges Tier nicht einfach eine Kopie eines Beutelwolfs aus dem Jahr 1936 wäre.

Das Ziel der beteiligten Forschenden ist vielmehr, mithilfe genetischer Veränderungen ein Tier mit möglichst vielen wesentlichen genetischen und biologischen Merkmalen des ausgestorbenen Beutelwolfs zu erzeugen. Auch die Projektbeschreibung selbst spricht von einem möglichst nahen genetischen Gegenstück und beschreibt mehrere noch notwendige Entwicklungsschritte. (Colossal)

Deshalb ist es wichtig, zwischen zwei Aussagen zu unterscheiden:

„Der Tasmanische Tiger wurde wieder zum Leben erweckt.“

Das ist 2026 nicht der Fall.

Und:

„Wissenschaftler entwickeln Technologien, mit denen Eigenschaften des Tasmanischen Tigers genetisch rekonstruiert werden könnten.“

Daran wird tatsächlich gearbeitet. (DOI)

Sogar seine RNA hat überlebt

Noch erstaunlicher ist eine weitere Entdeckung.

2023 gelang es Forschenden erstmals, RNA eines ausgestorbenen Tieres zu gewinnen und zu analysieren.

Das Tier war ausgerechnet ein Tasmanischer Tiger.

Untersucht wurden Muskel- und Hautgewebe eines ungefähr 130 Jahre alten Museumsexemplars. Die erhaltenen RNA-Moleküle ermöglichten den Forschenden unter anderem Einblicke in gewebespezifische Genaktivität. (genome.cshlp.org)

DNA kann uns zeigen, welche genetischen Informationen ein Tier besaß.

RNA kann zusätzlich Hinweise darauf liefern, wie diese genetischen Informationen in bestimmten Geweben genutzt wurden.

Damit bewahren Museumsexemplare möglicherweise viel mehr biologische Informationen, als man früher für möglich hielt.

Die Forschung geht 2026 weiter

Das Thema ist inzwischen weit über ein einzelnes Experiment hinausgewachsen.

Eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit von 2026, an der auch Andrew Pask beteiligt ist, beschreibt Fortschritte bei hochwertigen Genomen ausgestorbener Arten, modernen Genomeditierungstechniken, Stammzellen und Reproduktionstechnologien. Gleichzeitig macht sie deutlich, wie viele biologische Schritte zwischen einer digitalen Genomsequenz und einer tatsächlich lebensfähigen Population liegen. (DOI)

Auch eine weitere wissenschaftliche Übersicht von 2026 führt den Tasmanischen Tiger ausdrücklich unter den derzeit verfolgten De-Extinction-Projekten auf und beschreibt mehrere Schritte weiterhin als in Entwicklung. (Springer)

Die Wissenschaft hat also bemerkenswerte Fortschritte gemacht.

Aber sie steht noch nicht am Ende dieses Weges.

Und wenn es eines Tages funktioniert?

Dann beginnt möglicherweise die schwierigste Frage erst.

Nicht:

Können wir es tun?

Sondern:

Sollten wir es tun – und unter welchen Bedingungen?

Ein Tier zu erzeugen wäre nicht dasselbe wie eine Tierart dauerhaft zurückzubringen.

Eine Art benötigt ausreichend viele gesunde Individuen, genetische Vielfalt, geeigneten Lebensraum, Nahrung und langfristigen Schutz. Außerdem müsste untersucht werden, welche Auswirkungen ihre Rückkehr auf ein Ökosystem hätte.

Die Forschung von 2026 betont deshalb, dass De-Extinction nicht mit der Geburt eines einzelnen Tieres endet. Eine mögliche Wiederansiedlung müsste langfristig geplant und wissenschaftlich begleitet werden. (DOI)

Und es gibt noch eine weitere Frage:

Während Wissenschaftler versuchen, eine bereits ausgestorbene Tierart zurückzubringen, sind heute viele lebende Arten vom Aussterben bedroht.

Die Technologien, die für De-Extinction entwickelt werden, könnten deshalb möglicherweise auch für den Schutz noch lebender gefährdeter Arten Bedeutung bekommen – etwa durch genetische Biobanken, Stammzelltechnologien und neue Reproduktionsverfahren. Genau darin sehen beteiligte Forschende einen wichtigen möglichen Nutzen dieser Arbeit. (DOI)

Wissenschaft & Zukunft

Der Tasmanische Tiger gehört auch zu den Tieren in „Wenn Träume Wirklichkeit werden“.

Im Buch begegnen wir einem Tier, das nicht mehr existiert.

Die Wissenschaft stellt uns heute eine Frage, die vor wenigen Jahrzehnten noch wie reine Science-Fiction geklungen hätte:

Kann ein Teil dessen, was wir verloren haben, eines Tages biologisch wiederhergestellt werden?

Vielleicht.

Aber die Geschichte des Tasmanischen Tigers erinnert uns gleichzeitig an etwas noch Wichtigeres.

Die beste Möglichkeit, eine Tierart zurückzubringen, wäre immer noch gewesen, sie niemals aussterben zu lassen.

De-Extinction kann deshalb nicht nur eine Geschichte über neue Technologie sein.

Sie kann auch eine Geschichte über Verantwortung sein.

Denn wenn wir eines Tages über genügend Wissen verfügen, um Teile einer verlorenen Art wiederherzustellen, entsteht eine noch größere Frage:

Was tun wir heute mit diesem Wissen, damit die Arten, die noch mit uns leben, gar nicht erst verschwinden?

Wissenschaftliche Quellen

Die aktuellste wissenschaftliche Grundlage ist eine 2026 veröffentlichte Übersichtsarbeit zu De-Extinction, Genomeditierung, Reproduktion und Naturschutz. (DOI)

De-extinction: how reviving the past is revolutionizing the future of conservation biology (2026)

Für den genetischen Forschungsstand des Tasmanischen Tigers sind außerdem die chromosomale Genomrekonstruktion sowie die Arbeiten zur historischen RNA besonders relevant. (OUP Academic)

Chromosome-Scale Hybrid Genome Assembly of the Extinct Tasmanian Tiger

Historical RNA expression profiles from the extinct Tasmanian tiger

Der aktuelle Forschungsstand des TIGRR-Labors beschreibt transparent, welche Schritte abgeschlossen sind und welche sich noch in Entwicklung befinden. (School of BioSciences)

University of Melbourne – Thylacine de-extinction research

Bücher für die Zukunft – Wissenschaft & Zukunft
www.buecherfuerdiezukunft.ch