Natur & Zukunft | Schweiz · Gewässer & Biodiversität
29. August 2026
Von Francisco Cantuarias Rey
Bücher für die Zukunft
Der Sommer 2026 stellt viele Schweizer Gewässer vor eine aussergewöhnliche Belastungsprobe. Seit dem Frühling sind die Niederschläge insbesondere im Mittelland deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt geblieben. Gleichzeitig lagen die Temperaturen häufig über den für die Jahreszeit üblichen Werten.
Die Folgen sind sichtbar: Bäche führen kaum noch Wasser, einzelne Gewässerabschnitte trocknen aus und zahlreiche Flüsse und Seen weisen aussergewöhnlich tiefe Wasserstände auf. Für Fische und andere Wasserlebewesen kann diese Kombination lebensgefährlich werden. (bafu.admin.ch)
Fische brauchen nicht einfach nur Wasser. Sie benötigen einen Lebensraum mit ausreichend Sauerstoff, geeigneten Temperaturen, Nahrung und Rückzugsmöglichkeiten.
Wenn ein Bach immer weniger Wasser führt, verändert sich dieses System.
Das verbleibende Wasser erwärmt sich schneller. Gleichzeitig sinkt der Sauerstoffgehalt. Die Fische konzentrieren sich in den wenigen noch wasserführenden Bereichen und müssen dort um Nahrung, Raum und kühle Rückzugsorte konkurrieren.
Besonders empfindlich reagieren Arten, die auf kühles und sauerstoffreiches Wasser angewiesen sind – beispielsweise Bachforellen und Äschen. (bafu.admin.ch)
Anfang August berichtete SRF unter Berufung auf Fachleute und den Schweizerischen Fischerei-Verband, dass innerhalb von zwei Monaten bereits Hunderttausende Fische infolge von Hitze und Trockenheit verendet waren.
Betroffen waren unter anderem Forellen, Elritzen, Groppen und Schmerlen.
Manche Tiere starben in ausgetrockneten Bachbetten, andere konnten in dem zunehmend warmen Wasser nicht mehr überleben.
Sollte eine extreme Trockenperiode lange anhalten, können die Verluste noch erheblich grösser werden. (srf.ch)
Wasser und Temperatur sind eng miteinander verbunden.
Je wärmer das Wasser wird, desto schwieriger können die Bedingungen für bestimmte Fischarten werden. Gleichzeitig steigt bei hohen Temperaturen der Stoffwechsel der Tiere und damit ihr Sauerstoffbedarf.
Das Bundesamt für Umwelt BAFU berichtet, dass 2026 an zahlreichen Messstationen aussergewöhnlich hohe Wassertemperaturen festgestellt wurden.
Bereits im Mai stiegen beispielsweise die Temperaturen der Aare bei Bern und der Reuss bei Luzern auf über 20 °C – etwas, das dort zu diesem Zeitpunkt zuvor noch nicht gemessen worden war.
Zwischen Juni und August erreichten zahlreiche Flüsse neue Höchstwerte. An mehr als der Hälfte der vom BAFU betrachteten Messstationen wurden sogar neue absolute Temperaturmaxima für die jeweilige Messreihe registriert. (bafu.admin.ch)
Besonders deutlich zeigt sich die Situation an der Emme im Berner Emmental.
Dort wurden in gefährdeten Gewässerabschnitten sogenannte Notabfischungen durchgeführt.
Dabei fangen Fachleute und Helfende die noch lebenden Fische vorsichtig ein und bringen sie in Gewässerabschnitte, in denen bessere Überlebensbedingungen bestehen.
Allein im Emmental konnten auf diese Weise innerhalb weniger Wochen mehr als 50'000 Fische umgesiedelt werden. (srf.ch)
Doch selbst solche Rettungsaktionen haben Grenzen.
Der Kanton Bern teilte im August mit, dass die Möglichkeiten zur Umsiedlung weitgehend ausgeschöpft seien. Teilweise sinken die Wasserstände schneller, als Rettungseinsätze durchgeführt werden können.
Deshalb müssen Notabfischungen inzwischen auf besonders notwendige Fälle konzentriert werden. (be.ch)
Es klingt zunächst logisch: Wenn ein Bach austrocknet, fängt man die Fische und bringt sie einfach an einen anderen Ort.
Doch so einfach ist es nicht.
Der Kanton Zürich weist beispielsweise darauf hin, dass solche Trockenheitsabfischungen heute grundsätzlich nicht mehr durchgeführt werden und besonderen Ausnahmefällen vorbehalten bleiben.
Das Einfangen bedeutet zusätzlichen Stress für bereits geschwächte Tiere. Im neuen Gewässer können zudem Konkurrenz um Nahrung und Rückzugsorte entstehen oder Krankheiten und andere Organismen übertragen werden.
Langfristig ist deshalb etwas anderes entscheidend:
Die Gewässer selbst müssen widerstandsfähiger werden. (zh.ch)
Naturnahe Flüsse und Bäche besitzen unterschiedliche Tiefen, Seitenarme, Vegetation und Verbindungen zu anderen Gewässern.
Diese Vielfalt schafft Rückzugsräume.
Bäume und Sträucher entlang eines Gewässers spenden Schatten und können verhindern, dass sich das Wasser zu stark erwärmt. Tiefere Stellen und Bereiche mit kühlem Grundwasser können für Fische während einer Hitzewelle zu wichtigen Zufluchtsorten werden.
Auch die Vernetzung der Gewässer ist entscheidend. Können Fische Hindernisse überwinden, haben sie bessere Möglichkeiten, selbstständig kühlere oder wasserreichere Bereiche aufzusuchen.
Deshalb gehören Revitalisierung, Vernetzung und natürliche Ufervegetation zu den langfristigen Massnahmen zum Schutz unserer Gewässer. (bafu.admin.ch)
Auch wir können während Hitze- und Trockenperioden dazu beitragen, Fische nicht zusätzlich zu belasten.
Wenn Behörden bestimmte Gewässerbereiche sperren oder darum bitten, sie nicht zu betreten, sollten wir diese Hinweise beachten.
Gerade tiefe, kühle Wasserstellen können während extremer Hitze zu wichtigen Rückzugsorten werden. Werden Fische dort durch Menschen oder Hunde aufgescheucht, verbrauchen sie zusätzliche Energie und Sauerstoff.
Und wenn wir tote oder offensichtlich sterbende Fische entdecken?
Das BAFU empfiehlt, dies der zuständigen kantonalen Fischereibehörde oder der Polizei zu melden.
Die Tiere sollten nicht selbst eingefangen oder in ein anderes Gewässer gebracht werden. Neben Hitze können auch andere Ursachen – beispielsweise eine Gewässerverunreinigung – für ein Fischsterben verantwortlich sein. Das müssen Fachleute beurteilen. (bafu.admin.ch)
Ein kräftiges Gewitter kann einen Bach innerhalb kurzer Zeit wieder mit Wasser füllen.
Das bedeutet aber nicht automatisch, dass die Trockenheit beendet ist.
Tiefe Bodenschichten und Grundwasser benötigen wesentlich länger, um sich zu regenerieren. Für eine nachhaltige Entspannung sind länger anhaltende und grossflächige Niederschläge notwendig. (bafu.admin.ch)
Auch ein ausgetrocknetes Gewässer braucht Zeit.
Fische, Krebse, Wasserinsekten und andere Lebewesen können zurückkehren, wenn wieder geeignete Bedingungen vorhanden sind und benachbarte Populationen die betroffenen Bereiche erreichen können.
Bis frühere Populationsgrössen wieder erreicht werden, können jedoch mehrere Jahre vergehen. (bafu.admin.ch)
Ein fast ausgetrockneter Bach kann auf den ersten Blick wie eine einfache Folge eines heissen Sommers aussehen.
Aber wenn wir genauer hinschauen, entstehen viele Fragen:
Warum enthält warmes Wasser weniger Sauerstoff?
Wohin können Fische fliehen, wenn ein Bach austrocknet?
Warum sind Bäume am Ufer für das Leben unter Wasser wichtig?
Was passiert mit einem Ökosystem, wenn eine Fischart verschwindet?
Und wie können wir unsere Flüsse und Bäche so gestalten, dass Tiere auch zukünftige Hitzeperioden besser überstehen können?
Genau hier beginnt Umweltbildung.
Nicht nur mit einer Antwort, sondern mit einer Beobachtung.
Aus der Beobachtung entsteht eine Frage.
Aus der Frage entsteht Forschung.
Aus Forschung entsteht Verständnis.
Und aus Verständnis kann verantwortungsvolles Handeln entstehen.
Beobachten · Fragen · Forschen · Verstehen · Handeln
Francisco Cantuarias Rey
Autor und Projektverantwortlicher
Bücher für die Zukunft
Literatur · Umweltbildung · Verantwortung
Bundesamt für Umwelt (BAFU) – Sommer 2026: Trockenheit und hohe Waldbrandgefahr, aktualisierte Informationen vom 21. August 2026. Offizielle Informationen zu Niedrigwasser, Wassertemperaturen, Auswirkungen auf Fische und Schutzmassnahmen. (bafu.admin.ch)
WSL/SLF – Trockenheit 2026: Häufige Fragen und Antworten, 24. August 2026. Wissenschaftliche Einordnung der aussergewöhnlichen Trockenheit und ihrer Auswirkungen auf Schweizer Gewässer. (ehsm.admin.ch)
SRF, 5. August 2026 – Fischsterben in der Schweiz: Wie Fische mit Notabfischungen gerettet werden. Informationen zu Fischsterben und Rettungsaktionen an der Emme. (srf.ch)
Kanton Bern – Emme: Fischrettung stösst an ihre Grenzen, August 2026. Aktuelle Informationen des kantonalen Fischereiinspektorats. (be.ch)
Kanton Zürich – Informationen zu Trockenheit, Kaltwasserzonen und dem Umgang mit Trockenheitsabfischungen. (zh.ch)