Was uns die RNA eines 39.000 Jahre alten Mammuts erzählt
Fast 39.000 Jahre nach seinem Tod liefert ein außergewöhnlich gut erhaltenes Wollhaarmammut neue Informationen über sein Leben. Forschenden ist es gelungen, uralte RNA aus seinem Gewebe zu entschlüsseln. Damit können sie nicht nur untersuchen, welche Gene das Mammut besaß, sondern auch Hinweise darauf gewinnen, welche davon in seinen Zellen aktiv waren. (ScienceDirect)
Ein Mammut namens Yuka
Im sibirischen Permafrost wurde 2010 ein außergewöhnlich gut erhaltenes junges Wollhaarmammut entdeckt.
Es erhielt den Namen Yuka.
Sein Körper war über Zehntausende Jahre im gefrorenen Boden konserviert worden. Datierungen ergaben ein Alter von ungefähr 39.000 Jahren. (DOI)
Forschende hatten Yuka bereits seit Jahren untersucht. Doch eine internationale Forschungsgruppe stellte sich eine besonders schwierige Frage:
Könnte in seinem Gewebe sogar noch RNA erhalten sein?
Die Ergebnisse wurden zunächst am 14. November 2025 online veröffentlicht und erschienen anschließend am 8. Januar 2026 in der Fachzeitschrift Cell. (ScienceDirect)
DNA und RNA – was ist der Unterschied?
DNA und RNA enthalten beide Informationen über das Leben, erzählen Wissenschaftlern aber unterschiedliche Dinge.
Vereinfacht kann man es so verstehen:
DNA ist wie der Bauplan eines Lebewesens.
Sie enthält die genetischen Informationen, die ein Organismus besitzt.
RNA kann dagegen Hinweise darauf geben, welche Teile dieses Bauplans in bestimmten Zellen tatsächlich benutzt wurden.
Dadurch können Forschende beispielsweise untersuchen, welche Gene in einem bestimmten Gewebe aktiv waren. Genau diese Information lässt sich aus DNA allein nicht direkt ablesen. (ScienceDirect)
Für die Erforschung ausgestorbener Tiere eröffnet das eine völlig neue Möglichkeit.
Eine fast unmögliche Suche
RNA ist wesentlich empfindlicher als DNA und zerfällt normalerweise schnell.
Deshalb war lange unklar, ob ausreichend aussagekräftige RNA überhaupt Zehntausende Jahre überdauern könnte.
Die Forschenden untersuchten Gewebe von zehn Wollhaarmammuts aus dem späten Pleistozän, deren Überreste im Permafrost erhalten geblieben waren.
Bei drei Exemplaren fanden sie verlässliche Hinweise auf körpereigene alte RNA.
Besonders außergewöhnlich war Yuka.
Sein Gewebe war so gut erhalten, dass die Wissenschaftler darin detaillierte Informationen über die Genaktivität im Muskel rekonstruieren konnten. Die rund 39.000 Jahre alten RNA-Sequenzen sind nach Angaben der Studie die ältesten bislang dokumentierten alten RNA-Sequenzen. (ScienceDirect)
Was erzählte die RNA?
Die RNA zeigte, dass die Forschenden tatsächlich biologische Vorgänge aus dem Muskelgewebe eines Tieres untersuchen konnten, das vor fast 40.000 Jahren gelebt hatte.
Sie fanden unter anderem RNA-Muster, die mit Skelettmuskel, Muskelstoffwechsel und Muskelkontraktion zusammenhängen. Außerdem identifizierten sie regulatorische RNA-Moleküle, darunter sogenannte microRNAs. (ScienceDirect)
Damit geht die Untersuchung einen Schritt über die klassische Analyse alter DNA hinaus.
Sie zeigt nicht nur:
Welche Gene besaß dieses Mammut?
Sondern ermöglicht auch die Frage:
Welche biologischen Programme waren in seinem Gewebe aktiv?
Eine weitere Überraschung: Yuka war männlich
Yuka war aufgrund früherer Untersuchungen lange als weibliches Tier beschrieben worden.
Doch die RNA lieferte einen überraschenden Hinweis.
Die Forschenden fanden RNA von Genen des Y-Chromosoms.
Das zeigte, dass Yuka genetisch männlich war. (DOI)
Ein winziger molekularer Hinweis konnte damit eine jahrzehntealte Annahme über eines der bekanntesten erhaltenen Mammuts korrigieren.
Erzählt die RNA sogar etwas über Yukas letzte Momente?
Yukas Körper weist Verletzungen auf, die bereits zuvor zu der Hypothese geführt hatten, dass das junge Mammut möglicherweise von einem Raubtier angegriffen worden war.
In seiner Muskel-RNA fanden die Forschenden außerdem Hinweise auf zellulären beziehungsweise metabolischen Stress. Einige der nachgewiesenen Genaktivitäten standen mit Muskelkontraktion und Stressreaktionen in Zusammenhang. (Science News)
Das ist faszinierend – aber wissenschaftlich müssen wir vorsichtig bleiben.
Die RNA beweist nicht, dass Yuka unmittelbar vor seinem Tod vor einem Höhlenlöwen davonlief.
Die Kombination aus Verletzungen und molekularen Stresssignalen macht solche Szenarien interessant, erlaubt aber keine sichere Rekonstruktion seiner letzten Minuten. (Science News)
Warum ist diese Entdeckung so wichtig?
Bislang hat vor allem alte DNA unser Wissen über ausgestorbene Tiere revolutioniert.
Mit ihr können Wissenschaftler Genome rekonstruieren, Verwandtschaft untersuchen und Veränderungen von Populationen über enorme Zeiträume verfolgen.
Doch DNA allein erzählt nicht die gesamte Geschichte.
Die neue Untersuchung zeigt, dass unter außergewöhnlich guten Erhaltungsbedingungen auch RNA Zehntausende Jahre überdauern kann. (ScienceDirect)
Damit könnte sich ein neues Forschungsgebiet weiterentwickeln.
Zukünftige Untersuchungen könnten DNA, RNA und Proteine miteinander verbinden, um ausgestorbene Tiere nicht nur anhand ihres genetischen Bauplans, sondern auch anhand ihrer damaligen biologischen Aktivität zu untersuchen. Genau diese Kombination sehen die Autoren als wichtigen nächsten Schritt der Paläogenetik. (ScienceDirect)
Fast 40.000 Jahre – und noch immer neue Informationen
Yuka zeigt eindrucksvoll, wie sich Wissenschaft verändert.
Vor einigen Jahrzehnten wäre es kaum vorstellbar gewesen, aus einem fast 40.000 Jahre alten Mammut Informationen über Genaktivität zu gewinnen.
Heute können Forschende molekulare Spuren lesen, die seit der letzten Eiszeit im Permafrost erhalten geblieben sind.
Und vielleicht ist Yuka erst der Anfang.
Die Untersuchung zeigt, dass auch andere außergewöhnlich gut erhaltene Tiere möglicherweise RNA enthalten könnten.
Das bedeutet:
In den Körpern ausgestorbener Tiere könnten noch biologische Informationen verborgen sein, von denen wir bisher nicht wussten, dass sie die Zeit überdauern können.
Wissenschaft & Zukunft
Das Wollhaarmammut gehört auch zu den Tieren in „Wenn Träume Wirklichkeit werden“.
Im Buch begegnen wir einem Tier aus einer längst vergangenen Welt.
Die moderne Wissenschaft zeigt uns nun, dass diese Welt vielleicht nicht so vollkommen unerreichbar ist, wie sie scheint.
Knochen erzählen uns etwas über Körper.
DNA erzählt uns etwas über den genetischen Bauplan.
Und RNA kann uns Hinweise darauf geben, was in den Zellen eines Tieres tatsächlich geschah.
Fast 39.000 Jahre nachdem Yuka lebte, können winzige Moleküle noch immer Informationen über seinen Körper bewahren.
Und daraus entsteht eine faszinierende Frage:
Welche Geschichten ausgestorbener Tiere warten vielleicht noch darauf, von der Wissenschaft entdeckt zu werden?
Wissenschaftliche Quelle
Die Untersuchung wurde am 14. November 2025 online veröffentlicht und erschien in der Ausgabe vom 8. Januar 2026 der Fachzeitschrift Cell:
Mármol-Sánchez, E. et al.: Ancient RNA expression profiles from the extinct woolly mammoth. Cell 189 (2026), 52–69.e22. DOI: 10.1016/j.cell.2025.10.025. (ScienceDirect)
Cell – wissenschaftliche Originalstudie
PubMed – bibliografischer Eintrag der Studie
Universität Kopenhagen – Erklärung der Forschung
Bücher für die Zukunft – Wissenschaft & Zukunft
www.buecherfuerdiezukunft.ch