Natur & Zukunft | International · Artenschutz & Biodiversität
29. August 2026
Von Francisco Cantuarias Rey
Bücher für die Zukunft
Was passiert, wenn von einer Tier- oder Pflanzenart nur noch wenige Individuen übrig sind?
Ist ihr Verschwinden dann unvermeidlich?
Ein neues internationales Naturschutzprojekt möchte zeigen, dass die Antwort nicht immer «Ja» lauten muss.
Am 4. August 2026 wurde das Phoenix Species Project vorgestellt. Sein Ziel ist aussergewöhnlich: 100 der am stärksten bedrohten Tier- und Pflanzenarten der Welt sollen eine echte Chance erhalten, sich wieder zu erholen.
Das Projekt umfasst Arten aus 30 Ländern und beginnt mit einer Finanzierung von 200 Millionen US-Dollar. Damit handelt es sich laut IUCN um die bisher grösste einzelne philanthropische Initiative, die ausschliesslich der Erholung von Arten gewidmet ist, die als Critically Endangered oder Extinct in the Wild eingestuft sind. (IUCN)
Der Name erinnert an den Phönix, den mythischen Vogel, der aus seiner eigenen Asche wieder aufersteht.
Genau diese Vorstellung steht symbolisch hinter dem Projekt:
Eine Art, deren Population auf nur noch wenige Tiere oder Pflanzen zusammengeschrumpft ist, muss nicht zwangsläufig verschwinden.
Es gibt Beispiele dafür, dass sich extrem kleine Populationen durch langfristigen Schutz wieder erholen können.
Doch dafür braucht es Zeit, wissenschaftliche Arbeit, geeignete Lebensräume und Menschen, die bereit sind, über viele Jahre zusammenzuarbeiten. (IUCN)
Die ausgewählten Arten zeigen, wie vielfältig das Leben auf unserem Planeten ist.
Unter den 100 Arten befinden sich Säugetiere, Vögel, Reptilien, Amphibien, Fische, wirbellose Tiere und Pflanzen.
Sie leben in ganz unterschiedlichen Lebensräumen: in tropischen Regenwäldern, Seen und Flüssen, im Meer, auf Inseln und sogar in vulkanisch geprägten Landschaften. (IUCN)
Zu ihnen gehören beispielsweise der Goldkronensifaka aus Madagaskar, der Kakapo aus Neuseeland, der Vaquita im Golf von Kalifornien, der Nachtsittich aus Australien und der ungewöhnliche Bowmouth Guitarfish, der in Meeresgebieten zwischen Afrika und dem westlichen Pazifik vorkommt. (Phoenix Species Project)
Auch Pflanzen gehören zu den Phoenix 100.
Denn Biodiversität besteht nicht nur aus den grossen und bekannten Tieren.
Jede Art ist Teil eines viel grösseren Systems.
Das Verschwinden einer Art betrifft nicht nur diese eine Art.
Tiere, Pflanzen, Pilze und andere Organismen sind durch Nahrung, Bestäubung, Samenverbreitung, Lebensräume und viele weitere Beziehungen miteinander verbunden.
Wenn eine Art verschwindet, können sich deshalb auch andere Teile eines Ökosystems verändern.
Genau darum geht es beim Phoenix Species Project nicht nur darum, einzelne Tiere vor dem Aussterben zu bewahren.
Mit der Erholung bedrohter Arten sollen gleichzeitig die Ökosysteme geschützt werden, von denen sie – und letztlich auch wir Menschen – abhängig sind. (IUCN)
Für jede Art muss eine eigene Strategie entwickelt werden.
Eine Schildkröte auf einer Insel benötigt andere Schutzmassnahmen als ein Fisch in einem Fluss oder eine seltene Pflanze in einem tropischen Wald.
Deshalb können die Massnahmen sehr unterschiedlich aussehen.
Dazu gehören beispielsweise die Wiederherstellung zerstörter Lebensräume, Schutz- und Zuchtprogramme, die Wiederansiedlung von Tieren, die Bekämpfung invasiver Arten oder Massnahmen gegen Krankheiten. (IUCN)
Entscheidend ist dabei, dass die Arbeit nicht nur von internationalen Organisationen bestimmt werden soll.
Mehr als 100 lokale und internationale Partner sollen beteiligt sein – darunter indigene Gemeinschaften, lokale Bevölkerungsgruppen, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Naturschutzorganisationen und staatliche Stellen. (IUCN)
Artenschutz braucht Geduld.
Eine Population, die auf wenige Individuen geschrumpft ist, kann sich nicht innerhalb einiger Monate vollständig erholen.
Bisher mussten viele lokale Naturschutzorganisationen mit kleinen und kurzfristigen Förderungen arbeiten.
Das Phoenix Species Project möchte dieses Problem anders angehen und Schutzprogramme über mehrere Jahre unterstützen.
Dadurch sollen lokale Fachleute längerfristig planen und beobachten können, ob Populationen tatsächlich wachsen und Bedrohungen zurückgehen. (IUCN)
Zum Start stehen dem Projekt 200 Millionen US-Dollar zur Verfügung.
Davon stammen 100 Millionen Dollar vom Bezos Earth Fund und 100 Millionen Dollar von Re:wild, mit zusätzlicher Unterstützung von Leonardo DiCaprio, Age of Union und der Todd Graves Family Foundation.
Re:wild und der Bezos Earth Fund führen die Initiative durch. Die IUCN Species Survival Commission arbeitet als globaler wissenschaftlicher Partner mit. (IUCN)
Das Geld allein garantiert allerdings noch keinen Erfolg.
Ob eine Art gerettet werden kann, hängt von vielen Faktoren ab: ihrem Lebensraum, der Grösse der verbleibenden Population, genetischer Vielfalt, Krankheiten, menschlichen Einflüssen und davon, ob die Ursachen ihres Rückgangs tatsächlich beseitigt werden können.
Deshalb wird das Projekt die Entwicklung der Populationen und die Verringerung ihrer Bedrohungen langfristig beobachten. (IUCN)
Die 100 ausgewählten Arten sind nur ein kleiner Teil eines viel grösseren Problems.
Von den fast 176'000 Arten, die auf der Roten Liste der IUCN untersucht wurden, sind mehr als 31'000 als gefährdet, vom Aussterben bedroht oder in freier Wildbahn ausgestorben eingestuft. (IUCN)
Das Phoenix Species Project kann deshalb nicht die gesamte Biodiversitätskrise lösen.
Aber es kann etwas Wichtiges zeigen:
Artenschutz kann funktionieren.
Wissenschaftliche Untersuchungen und Erfahrungen aus erfolgreichen Schutzprogrammen zeigen, dass gezielte Naturschutzmassnahmen den Verlust der Biodiversität bremsen und in bestimmten Fällen sogar umkehren können. (IUCN)
Die Rettung einer seltenen Art in Madagaskar, Mexiko oder Neuseeland scheint zunächst weit von unserem Alltag entfernt zu sein.
Doch auch unsere Entscheidungen haben Auswirkungen auf die Natur.
Wir können uns informieren, woher Produkte stammen.
Wir können Lebensräume respektieren und Tiere nicht stören.
Wir können weniger verschwenden und bewusster konsumieren.
Wir können Naturschutzprojekte unterstützen.
Und vor allem können wir lernen, Arten nicht erst dann wahrzunehmen, wenn sie fast verschwunden sind.
Denn Schutz beginnt häufig mit etwas sehr Einfachem:
Interesse.
100 Arten.
30 Länder.
Unterschiedliche Kontinente, Lebensräume und Herausforderungen.
Doch hinter jeder dieser Arten steckt eine eigene Geschichte.
Warum ist sie bedroht?
Welche Aufgabe erfüllt sie in ihrem Ökosystem?
Was müsste sich verändern, damit ihre Population wieder wachsen kann?
Und was können Menschen tun, damit zukünftige Generationen diese Tiere und Pflanzen nicht nur auf alten Bildern kennenlernen?
Das sind Fragen, die auch Kinder stellen können.
Vielleicht beginnt Forschung genau dort.
Ein Kind entdeckt einen unbekannten Fisch.
Ein anderes interessiert sich für einen Lemur.
Jemand fragt, warum ein Vogel nicht mehr in freier Natur vorkommt.
Dann beginnt die Suche nach Antworten.
Genau diese Neugier möchten wir bei Bücher für die Zukunft fördern.
Denn die Geschichte des Phoenix Species Project vermittelt eine wichtige Botschaft:
Vom Aussterben bedroht bedeutet nicht automatisch verloren.
Wenn Menschen beobachten, Fragen stellen, wissenschaftlich forschen, verstehen und gemeinsam handeln, können Arten eine zweite Chance bekommen.
Beobachten · Fragen · Forschen · Verstehen · Handeln
Francisco Cantuarias Rey
Autor und Projektverantwortlicher
Bücher für die Zukunft
Literatur · Umweltbildung · Verantwortung
IUCN – International Union for Conservation of Nature, 4. August 2026 – Phoenix Species Project launches global effort to bring 100 of the world’s most threatened species back from the brink. Hauptquelle zu Umfang, Finanzierung, beteiligten Ländern, Artengruppen und wissenschaftlicher Zusammenarbeit. (IUCN)
Phoenix Species Project – Offizielle Projektseite mit Informationen zu den 100 ausgewählten Arten und den internationalen Schutzprogrammen. (Phoenix Species Project)
Phoenix Species Project – Die 100 Arten
Re:wild, 4. August 2026 – Informationen zur Entstehung, Finanzierung und langfristigen Umsetzung des Projekts. (Re:wild)
Re:wild – Phoenix Species Project