Wenn Meeresschildkröten zu Meeresforscherinnen werden

Meeresschildkröten können Wissenschaftlern nicht nur etwas über ihr eigenes Leben erzählen. Eine 2026 veröffentlichte Studie zeigt, dass mit Satellitensendern ausgestattete Schildkröten während ihrer natürlichen Tauchgänge wertvolle Informationen über die Temperatur des Meeres sammeln können – sogar in Bereichen, die mit herkömmlichen Messsystemen nur schwer zu beobachten sind. (Nature)

Sie schwimmt – und sammelt gleichzeitig Daten

Meeresschildkröten verbringen einen großen Teil ihres Lebens unter Wasser. Sie legen weite Strecken zurück, tauchen immer wieder ab und bewegen sich durch unterschiedliche Wasserschichten.

Genau diese Eigenschaft haben Forschende für eine ungewöhnliche Form der Meeresbeobachtung genutzt.

Für die Studie wurden sieben Unechte Karettschildkröten (Caretta caretta) mit kleinen Satellitensendern ausgestattet. Die Tiere waren zuvor unbeabsichtigt in Fischereigerät geraten, gerettet und im Meer wieder freigelassen worden.

Die Sender auf ihren Panzern zeichneten während ihrer Tauchgänge unter anderem Position, Wassertiefe und Wassertemperatur auf. Sobald die Tiere wieder an die Oberfläche kamen, konnten Informationen über das Argos-Satellitensystem übertragen werden. (Nature)

Damit geschah etwas Faszinierendes:

Während die Schildkröten einfach ihrem natürlichen Leben nachgingen, wurden sie gleichzeitig zu mobilen Beobachterinnen des Meeres.

Von der Oberfläche bis in tiefere Wasserschichten

Die Forschenden untersuchten Daten aus der Adria und dem nördlichen Ionischen Meer. Der ausgewertete Datensatz umfasst den Zeitraum von Juli 2020 bis Februar 2022. Die Messungen der Schildkröten ermöglichten es, Temperaturprofile in verschiedenen Tiefen zu rekonstruieren – von der Oberfläche bis in Bereiche von 50 bis 100 Metern Tiefe. (Nature)

Anschließend verglich das Forschungsteam diese Messungen mit Daten des Copernicus Marine Service, einem europäischen System zur Beobachtung und Modellierung der Meere.

Die entscheidende Frage lautete:

Können Schildkröten tatsächlich Informationen sammeln, die für die Ozeanforschung wissenschaftlich brauchbar sind?

Die Ergebnisse zeigen: grundsätzlich ja.

Besonders wertvolle Informationen nahe der Oberfläche

Die von den Schildkröten aufgezeichneten Daten konnten wichtige Muster der vertikalen Temperaturstruktur des Meeres erfassen.

Besonders gut funktionierte dies in den oberflächennahen Wasserschichten von 0 bis 15 Metern. Dort fanden die Forschenden eine starke Übereinstimmung zwischen den Messungen der Schildkröten und den Daten des Meeresmodells.

In größeren Tiefen und in bestimmten Jahreszeiten traten dagegen deutlichere Unterschiede auf. Das zeigt zugleich, dass diese Methode Grenzen hat und weitere Untersuchungen sowie eine sorgfältige Kalibrierung der Sensoren notwendig sind. (Nature)

Die Schildkröten ersetzen also keine Satelliten, Messbojen, Forschungsschiffe oder andere etablierte Systeme.

Sie können diese Systeme ergänzen.

Und genau darin liegt die wissenschaftliche Bedeutung.

Warum braucht die Wissenschaft überhaupt solche Messungen?

Unsere Meere verändern sich ständig.

Temperatur, Strömungen, Wind, Sonneneinstrahlung und der Austausch zwischen verschiedenen Wasserschichten beeinflussen das marine Ökosystem.

Um diese Prozesse zu verstehen und Computermodelle des Ozeans zu überprüfen, benötigen Forschende möglichst viele reale Messungen.

Doch das Meer ist riesig.

Manche Regionen sind schwer erreichbar, und traditionelle Messungen mit Schiffen oder anderen Plattformen können aufwendig und teuer sein.

Tiere bewegen sich dagegen ohnehin durch diese Gebiete.

Sensoren auf Meerestieren eröffnen deshalb eine zusätzliche Möglichkeit, Informationen dort zu sammeln, wo andere Beobachtungssysteme nur begrenzte Daten liefern können. (Nature)

Warum gerade Meeresschildkröten?

Meeresschildkröten besitzen dafür einige besondere Eigenschaften.

Sie können große Entfernungen zurücklegen, regelmäßig tauchen und über lange Zeiträume unterschiedliche Meeresgebiete durchqueren. Außerdem bietet ihr Panzer eine geeignete Oberfläche für speziell entwickelte, leichte Satellitensender.

Die Geräte der Studie registrierten bei den Tauchgängen sowohl Tiefe als auch Temperatur. Die Temperaturmessung hatte laut Hersteller eine Genauigkeit von ±0,2 °C. (Nature)

Damit entsteht eine interessante Verbindung:

Ein Instrument, das ursprünglich dabei hilft, das Verhalten und die Bewegungen eines Tieres zu erforschen, kann gleichzeitig Informationen über dessen Lebensraum liefern.

Wir beobachten das Tier – und das Tier hilft uns, den Ozean zu beobachten.

Eine Schildkröte ersetzt kein Forschungsschiff

Die Ergebnisse müssen dennoch vorsichtig interpretiert werden.

Die Studie arbeitete lediglich mit sieben Schildkröten. Die Forschenden weisen selbst auf diese begrenzte Stichprobe hin.

Auch die Sensoren haben technische Grenzen. Besonders in größeren Tiefen und in komplexen Küstengebieten unterschieden sich manche Messungen stärker von den Daten des verwendeten Ozeanmodells. Zudem wurden die Temperatursensoren für diese Untersuchung nicht zusätzlich unabhängig kalibriert. (Nature)

Deshalb lautet die wissenschaftliche Aussage nicht:

„Schildkröten können unsere bisherigen Messsysteme ersetzen.“

Sondern:

Ihre Daten können eine wertvolle zusätzliche Informationsquelle innerhalb bestehender Beobachtungsnetze sein. (Nature)

Tiere als Partner der Wissenschaft

Das Forschungsgebiet dahinter ist größer als diese einzelne Studie.

Sensoren auf Tieren werden bereits genutzt, um Umweltbedingungen in schwer erreichbaren Meeresregionen zu untersuchen. Die Tiere gelangen dabei an Orte und in Tiefen, an denen kontinuierliche direkte Messungen schwierig sein können.

Die Studie von 2026 zeigt, welches Potenzial Meeresschildkröten innerhalb solcher Beobachtungssysteme besitzen.

Zukünftig könnten größere Datensätze, präzisere Sensoren und eine Kombination mit hochauflösenden Ozeanmodellen dabei helfen, Veränderungen im Meer noch genauer zu untersuchen. Die Forschenden betonen jedoch, dass dafür weitere Studien und eine sorgfältige Kalibrierung der Geräte erforderlich sind. (Nature)

Wissenschaft & Zukunft

Die Meeresschildkröte gehört auch zu den Tieren in „Wenn Träume Wirklichkeit werden“.

Im Buch begegnen die Kinder einer Meeresschildkröte und beginnen, über die Gefahren nachzudenken, denen Tiere im Meer ausgesetzt sind.

Die Wissenschaft eröffnet nun eine zusätzliche Perspektive.

Meeresschildkröten sind nicht nur Tiere, deren Lebensräume wir erforschen und schützen möchten.

Ihre Bewegungen können gleichzeitig dabei helfen, diese Lebensräume besser zu verstehen.

Eine Schildkröte taucht.

Ein kleiner Sensor misst Temperatur und Tiefe.

Ein Satellit empfängt Informationen.

Und aus vielen einzelnen Messungen entsteht ein genaueres Bild davon, was unter der Meeresoberfläche geschieht.

Vielleicht liegt darin eine wichtige Idee für die Wissenschaft der Zukunft:

Was können wir über unseren Planeten lernen, wenn wir Tiere nicht nur beobachten, sondern auch die Informationen verstehen, die sie auf ihren natürlichen Wegen durch die Erde sammeln können?

Wissenschaftliche Quelle

Die zugrunde liegende Untersuchung wurde am 1. April 2026 in Scientific Reports veröffentlicht:

Piazzolla, D. et al.: Observing abilities of satellite-tagged sea turtles: comparison of reconstructed temperature profiles with ocean model data in the Adriatic and Ionian Seas. Scientific Reports 16, 15258 (2026). (Nature)

Wissenschaftliche Originalstudie in Scientific Reports

Bücher für die Zukunft – Wissenschaft & Zukunft
www.buecherfuerdiezukunft.ch