Was die Knochen des Dodos erzählen
Jahrhunderte nach seinem Aussterben geben die Knochen des Dodos erstaunliche Einblicke in sein Leben. Forschende konnten Hinweise darauf finden, wann er sich fortpflanzte, wie schnell seine Jungen wuchsen und sogar wann er sein Gefieder wechselte. Neuere Forschung ergänzt inzwischen unser Bild dieses außergewöhnlichen Vogels – ohne die zentralen Erkenntnisse der ursprünglichen Untersuchung zu widerlegen.
Der Dodo (Raphus cucullatus) gehört zu den bekanntesten ausgestorbenen Tieren der Welt. Er lebte ausschließlich auf Mauritius im Indischen Ozean.
Europäische Seefahrer beschrieben ihn erstmals 1598. Weniger als hundert Jahre später war er verschwunden. Die genaue Chronologie seines Aussterbens ist nicht vollständig geklärt; wissenschaftliche Arbeiten ordnen sein Verschwinden in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts ein.
Doch obwohl Menschen dem Dodo begegneten, wissen wir erstaunlich wenig über sein tatsächliches Leben.
Wie kann die Wissenschaft heute herausfinden, wie ein Tier lebte, das seit Jahrhunderten ausgestorben ist?
Eine Antwort liegt in seinen Knochen.
Knochen werden zu einem wissenschaftlichen Archiv
Ein internationales Forschungsteam untersuchte die mikroskopische Struktur erhaltener Dodo-Knochen.
Die Ergebnisse wurden am 24. August 2017 in der Fachzeitschrift Scientific Reports veröffentlicht. Die Forschenden nutzten die sogenannte Knochenhistologie, um Hinweise auf Wachstum, Fortpflanzung und den jährlichen Lebensrhythmus des Dodos zu finden.
Dabei untersuchten sie die Knochen nicht nur von außen.
Sie betrachteten ihre Mikrostruktur.
Knochen verändern sich während des Lebens eines Tieres. Wachstum, Fortpflanzung und andere körperliche Prozesse können mikroskopische Spuren hinterlassen.
Genau solche Spuren fanden die Wissenschaftler beim Dodo.
Wie schnell wuchsen junge Dodos?
Die Knochen eines jungen Dodos zeigten Gewebe, das auf schnelles Wachstum hinweist.
Die Forschenden vermuten, dass dieses schnelle Wachstum für die Jungtiere auf Mauritius einen wichtigen Vorteil gehabt haben könnte.
Die Fortpflanzung und Entwicklung der Jungen musste mit den jahreszeitlichen Bedingungen der Insel zusammenpassen. Die südliche Sommerzeit bringt auch die Zyklonsaison mit sich, in der starke Stürme die Vegetation und damit das Nahrungsangebot beeinflussen können.
Die wissenschaftliche Rekonstruktion legt deshalb nahe, dass junge Dodos schnell eine robuste Körpergröße erreichten, bevor diese schwierigere Jahreszeit begann.
Wann bekam der Dodo Nachwuchs?
Besonders interessant war eine Struktur, die in einigen Knochen gefunden wurde: sogenannter medullärer Knochen.
Dieses spezielle Knochengewebe tritt bei weiblichen Vögeln im Zusammenhang mit der Bildung von Eiern auf und dient unter anderem als Kalziumreserve für die Eierschalen.
Dadurch konnten die Forschenden Hinweise auf die Fortpflanzungsphase weiblicher Dodos erkennen.
Aus diesen und weiteren Spuren entwickelten sie eine Rekonstruktion des Jahreszyklus.
Die Forschenden schlagen vor, dass die Fortpflanzungsperiode des Dodos etwa im August begonnen haben könnte. Danach hätten die Küken genügend Zeit gehabt, schnell zu wachsen, bevor die Zyklonsaison einsetzte.
Wichtig ist dabei:
Der August ist keine direkt beobachtete historische Tatsache.
Es handelt sich um eine wissenschaftlich begründete Rekonstruktion aus verschiedenen biologischen und historischen Hinweisen.
Sogar der Federwechsel hinterließ möglicherweise Spuren
Die Knochen lieferten noch eine weitere Überraschung.
Bestimmte Veränderungen bei erwachsenen Tieren wurden von den Forschenden als Hinweise auf die Mauser, also den regelmäßigen Wechsel des Gefieders, interpretiert.
Die Rekonstruktion legt nahe, dass der Federwechsel nach dem südlichen Sommer begann und vor der folgenden Fortpflanzungsperiode abgeschlossen wurde.
Das könnte sogar helfen, ein historisches Rätsel zu erklären.
Alte Berichte beschrieben das Gefieder des Dodos unterschiedlich. Einige Beobachter berichteten von einem eher flaumigen Erscheinungsbild, andere beschrieben deutlichere Federn.
Wenn die Seeleute Dodos in unterschiedlichen Phasen der Mauser sahen, könnten diese verschiedenen Beschreibungen durchaus miteinander vereinbar sein.
Was sagt die neuere Forschung?
Seit der Veröffentlichung der Knochenstudie von 2017 ist die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Dodo weitergegangen.
Eine umfangreiche Untersuchung, die 2024 im Zoological Journal of the Linnean Society veröffentlicht wurde, überprüfte die historische Literatur, die Systematik und die wissenschaftliche Benennung des Dodos und seines ausgestorbenen Verwandten, des Rodrigues-Solitärs.
Die Arbeit bestätigte den Dodo als hoch spezialisierten, sekundär flugunfähigen Vertreter der Taubenvögel und zeigte zugleich, wie viele Vorstellungen über dieses Tier im Laufe der Jahrhunderte durch unvollständige oder widersprüchliche historische Quellen entstanden sind.
Das ist für unsere Geschichte besonders interessant:
Die neuere Forschung widerlegt die zentralen Erkenntnisse der Knochenuntersuchung von 2017 über Wachstum, Fortpflanzungszyklus und Mauser nicht.
Sie erweitert vielmehr das wissenschaftliche Bild des Dodos.
Das Verschwinden einer Art verändert mehr als eine Art
Neuere ökologische Forschung richtet den Blick außerdem auf eine andere Frage:
Was geschieht mit einem Ökosystem, wenn große Tiere wie der Dodo verschwinden?
Der Dodo fraß Früchte und konnte große Samen aufnehmen. Zusammen mit anderen heute ausgestorbenen großen Tieren von Mauritius gehörte er damit zu den potenziell wichtigen Samenverbreitern der Insel.
Aktuelle Untersuchungen der Pflanzen-Tier-Beziehungen auf Mauritius zeigen, dass eingeführte Tierarten die ökologischen Funktionen der verschwundenen Samenverbreiter nicht vollständig ersetzen.
Das bedeutet nicht, dass das Verschwinden des Dodos allein für die heutigen Probleme bestimmter Pflanzen verantwortlich ist.
Aber es zeigt einen wichtigen Zusammenhang:
Wenn eine Tierart verschwindet, kann sich auch das Netzwerk verändern, von dem andere Arten abhängig sind.
Ein Tier, das wir nach seinem Verschwinden immer besser kennenlernen
Das ist vielleicht eines der erstaunlichsten Dinge am Dodo.
Wir können ihn nicht mehr beobachten.
Wir können sein Verhalten nicht filmen.
Wir können ihm keinen GPS-Sender anlegen.
Und trotzdem kann Wissenschaft noch Jahrhunderte später neue Informationen über sein Leben entdecken.
Ein Knochen kann Hinweise auf Wachstum enthalten.
Seine Mikrostruktur kann etwas über Fortpflanzung verraten.
Historische Dokumente können mit biologischen Spuren verglichen werden.
Und moderne ökologische Untersuchungen können zeigen, welche Rolle ausgestorbene Tiere möglicherweise innerhalb eines ganzen Ökosystems spielten.
So verändert sich wissenschaftliches Wissen:
Neue Forschung muss ältere Forschung nicht ersetzen. Sie kann sie überprüfen, ergänzen und in einen größeren Zusammenhang stellen.
Wissenschaft & Zukunft
Der Dodo gehört auch zu den Tieren in „Wenn Träume Wirklichkeit werden“.
Im Buch führt seine Geschichte zu Fragen über Aussterben, menschliche Verantwortung und darüber, was geschieht, wenn eine Art für immer verschwindet.
Die Wissenschaft kann den Dodo nicht zurückbringen.
Aber sie kann uns helfen, ihn immer besser zu verstehen.
Und vielleicht zeigt uns gerade ein ausgestorbenes Tier etwas besonders Wichtiges:
Der Verlust einer Art bedeutet möglicherweise nicht nur, dass ein Tier weniger auf unserem Planeten lebt.
Es kann bedeuten, dass sich Beziehungen zwischen Tieren, Pflanzen und Lebensräumen verändern, die sich über sehr lange Zeit entwickelt haben.
Deshalb bleibt eine Frage:
Was können wir aus dem Dodo lernen, um die Arten zu schützen, die heute noch mit uns leben?
Wissenschaftliche Quellen
Die zentrale Untersuchung zur Lebensgeschichte des Dodos wurde 2017 in Scientific Reports veröffentlicht:
Angst, D., Chinsamy, A., Steel, L. & Hume, J. P.: Bone histology sheds new light on the ecology of the dodo (Raphus cucullatus, Aves, Columbiformes). Scientific Reports 7, 7993 (2017).
Scientific Reports – Originalstudie von 2017
Die 2024 veröffentlichte systematische und historische Neubewertung des Dodos und des Rodrigues-Solitärs:
Zoological Journal of the Linnean Society – Dodo-Forschung 2024
Neuere ökologische Forschung untersucht außerdem, welche Folgen der Verlust großer Samenverbreiter für Mauritius hatte:
Nature Communications – Plant–frugivore network on Mauritius
Bücher für die Zukunft – Wissenschaft & Zukunft
www.buecherfuerdiezukunft.ch