687 Kilometer durch das offene Meer – Eine Eisbärin schwimmt neun Tage
Eine Eisbärin schwamm neun Tage lang ohne Unterbrechung durch das offene Meer. Insgesamt legte sie 687 Kilometer zurück. Eine außergewöhnliche Leistung – aber auch ein Beispiel dafür, welche Belastungen entstehen können, wenn das arktische Meereis zurückgeht.
Der außergewöhnliche Fall ereignete sich 2008 in der Beaufortsee und wurde von Forschenden des U.S. Geological Survey (USGS) wissenschaftlich dokumentiert. Die Ergebnisse erschienen 2011 in der Fachzeitschrift Polar Biology. Neuere Untersuchungen bestätigen inzwischen einen wichtigen Teil der damaligen Erkenntnisse: Lange Schwimmstrecken sind für Eisbären möglich, können aber mit erheblichen energetischen Kosten verbunden sein. (USGS)
Neun Tage im Wasser
Die erwachsene Eisbärin trug ein Satellitenhalsband, mit dem die Forschenden ihre Bewegungen verfolgen konnten.
Die Daten zeigten etwas Außergewöhnliches: Das Tier schwamm 687 Kilometer in neun Tagen ohne Unterbrechung durch die Beaufortsee. Anschließend legte die Eisbärin weitere rund 1.800 Kilometer zurück, wobei sie sich schwimmend und laufend über das Meereis bewegte. (USGS)
Als die Forschenden das Tier Ende Oktober 2008 erneut untersuchten, hatte es gegenüber der Untersuchung Ende August 22 Prozent seines Körpergewichts verloren.
Auch das einjährige Jungtier, das die Mutter zuvor begleitet hatte, war nicht mehr bei ihr. Die Untersuchung dokumentiert den Verlust des Jungtiers während dieses Zeitraums, kann jedoch nicht feststellen, was genau mit ihm geschehen ist. (USGS)
Warum schwimmt ein Eisbär so weit?
Eisbären sind ausgezeichnete Schwimmer. Normalerweise bewegen sie sich jedoch vor allem auf dem arktischen Meereis, das für ihre Jagd auf Meeressäuger von entscheidender Bedeutung ist.
Wenn sich zwischen Eisflächen oder zwischen Meereis und Land große offene Wasserflächen bilden, können Eisbären gezwungen sein, größere Strecken schwimmend zurückzulegen.
Eine weitere USGS-Untersuchung analysierte die Bewegungen von 52 erwachsenen weiblichen Eisbären zwischen 2004 und 2009. Die Forschenden identifizierten 50 Langstreckenschwimmen von mehr als 50 Kilometern, ausgeführt von 20 Tieren. Die dokumentierten Distanzen reichten von 53,7 bis zu den außergewöhnlichen 687,1 Kilometern. (USGS)
Die Forschenden interpretierten Langstreckenschwimmen als eine mögliche Verhaltensreaktion auf zunehmend ausgedehnte offene Wasserflächen während des arktischen Sommers. (USGS)
Eine beeindruckende Fähigkeit – aber keine kostenlose Anpassung
Dass ein Eisbär Hunderte Kilometer schwimmen kann, zeigt seine enorme körperliche Leistungsfähigkeit.
Doch diese Fähigkeit hat einen Preis.
Bereits die Untersuchungen von 2011 und 2012 kamen zu dem Ergebnis, dass lange Schwimmstrecken einen hohen Energieaufwand verursachen können und dass Schwimmen energetisch anspruchsvoller sein kann als die Fortbewegung über Meereis. (USGS)
Eine 2018 in Scientific Reports veröffentlichte Untersuchung bestätigte die bemerkenswerten Schwimm- und Tauchfähigkeiten der Tiere. Gleichzeitig beschreiben die Forschenden Schwimmen als energetisch kostspielige Form der Fortbewegung. (Nature)
Was sagt die neuere Forschung?
Mehr als ein Jahrzehnt nach dem außergewöhnlichen 687-Kilometer-Fall beschäftigen sich Wissenschaftler weiterhin mit der Frage, wie Eisbären auf längere eisfreie Perioden reagieren.
Eine 2024 in Nature Communications veröffentlichte Studie beobachtete 20 Eisbären in der westlichen Hudson Bay und maß unter anderem Energieverbrauch, Bewegung, Verhalten und Körperzusammensetzung.
Drei Tiere schwammen insgesamt zwischen 54 und 175 Kilometer. Diese drei Tiere hatten innerhalb ihrer jeweiligen Alters- und Geschlechtsgruppen den höchsten auf die Körpermasse bezogenen täglichen Energieverbrauch. Die Forschenden beschreiben diese Schwimmstrecken als energetisch anspruchsvoll. (Nature)
Auch eine 2026 veröffentlichte Studie über Eisbären auf Svalbard beschreibt, dass bestimmte Tiere heute längere Distanzen zwischen Meereis und Inseln schwimmen müssen. Nach Angaben der Forschenden liegt die Eiskante dort im Durchschnitt etwa 200 bis 300 Kilometer weiter nördlich als vor zwei bis drei Jahrzehnten. Solche langen Schwimmstrecken sind mit erhöhtem Energieaufwand verbunden. (Nature)
Damit wird die Beobachtung von 2008 nicht überholt.
Im Gegenteil: Neuere Forschung ergänzt und unterstützt die zentrale Erkenntnis, dass Eisbären außergewöhnlich lange Strecken schwimmen können, diese Anpassungsfähigkeit aber erhebliche energetische Belastungen mit sich bringen kann. (Nature)
Ein einzelner Eisbär – und eine größere wissenschaftliche Frage
Die Geschichte dieser Eisbärin ist zunächst die Geschichte eines einzelnen Tieres.
Deshalb darf aus ihren 687 Kilometern nicht automatisch geschlossen werden, dass alle Eisbären solche Strecken zurücklegen oder dieselben Folgen erleben.
Doch genau deshalb ist die langfristige Forschung so wichtig.
Aus einem außergewöhnlichen Einzelfall entstand eine wissenschaftliche Frage. Weitere Tiere wurden beobachtet, Bewegungsdaten gesammelt und später sogar Energieverbrauch und Verhalten genauer gemessen.
So entwickelt sich Wissenschaft weiter:
Eine Beobachtung führt zu einer Frage. Eine Frage führt zu neuen Untersuchungen. Und neue Untersuchungen helfen uns, frühere Erkenntnisse zu überprüfen und besser zu verstehen.
Wissenschaft & Zukunft
Der Eisbär ist auch eines der Tiere in „Wenn Träume Wirklichkeit werden“.
Im Buch führt seine Geschichte zu Fragen über Lebensräume, Klimaveränderungen und unsere Verantwortung gegenüber anderen Lebewesen.
Die Wissenschaft zeigt uns, dass Eisbären beeindruckende Möglichkeiten besitzen, sich an schwierige Bedingungen anzupassen.
Doch Anpassungsfähigkeit bedeutet nicht, dass Veränderungen keine Folgen haben.
Wenn sich Lebensräume verändern, müssen wir deshalb nicht nur fragen:
„Kann ein Tier damit umgehen?“
Sondern auch:
„Wie viel Energie und wie viele Risiken kostet es das Tier, sich immer wieder anpassen zu müssen?“
Wissenschaftliche Quellen
Die ursprüngliche Untersuchung wurde 2011 in Polar Biology veröffentlicht: Durner, Whiteman, Harlow, Amstrup, Regehr & Ben-David, Consequences of long-distance swimming and travel over deep-water pack ice for a female polar bear during a year of extreme sea ice retreat. (USGS)
Die Ergebnisse werden durch weitere Arbeiten zum Schwimmverhalten und Energieverbrauch von Eisbären ergänzt, darunter Untersuchungen aus 2012, 2018, 2024 und 2026. (USGS)
USGS – Originalstudie von 2011
Nature Communications – Studie von 2024
Scientific Reports – Studie von 2026
Bücher für die Zukunft – Wissenschaft & Zukunft
www.buecherfuerdiezukunft.ch