Natur & Zukunft | Schweiz · Biodiversität
28. August 2026
Von Francisco Cantuarias Rey
Bücher für die Zukunft
Nach Jahrzehnten gibt es wieder einen bemerkenswerten Nachweis im Kanton Schaffhausen: Die Grosse Hufeisennase (Rhinolophus ferrumequinum), eine der seltensten Fledermausarten der Schweiz, wurde dort erneut dokumentiert.
Die Art gilt in der Schweiz als vom Aussterben bedroht. Umso bemerkenswerter ist, was Forschende und Fledermausschützende in den vergangenen Jahren beobachten konnten. (sh.ch)
Die Geschichte begann im Frühjahr 2023.
Fledermausschützende entdeckten in einem Winterquartier im benachbarten Baden-Württemberg ein Weibchen der Grossen Hufeisennase. Das Tier erhielt einen kleinen Sender, mit dem seine Bewegungen verfolgt werden konnten.
Dabei stellte sich heraus: Die Fledermaus überquerte die Grenze und flog in den Kanton Schaffhausen.
Gemeinsam mit dem Fledermausschutz Schaffhausen gelang es anschliessend, die Art dort erstmals seit Jahrzehnten wieder nachzuweisen und zwei Sommerquartiere zu finden. (sh.ch)
Die Untersuchungen gingen weiter.
2024 und 2025 wurden unter anderem bioakustische Aufnahmen eingesetzt. Spezielle Geräte registrieren dabei die arttypischen Ultraschallrufe der Fledermäuse – Töne, die für das menschliche Ohr nicht hörbar sind. (sh.ch)
Im April 2026 wurde die Anwesenheit der Grossen Hufeisennase bereits im vierten Jahr in Folge bestätigt.
In einem der bekannten Quartiere installierten die Fachleute zusätzlich eine automatische Wildtierkamera.
Schon nach wenigen Tagen gelang damit der erste fotografische Nachweis einer Grossen Hufeisennase im Kanton Schaffhausen.
Doch auf dem Bild war etwas Unerwartetes zu erkennen.
Es war nicht das Weibchen, das 2023 den Weg nach Schaffhausen gezeigt hatte.
Das ursprünglich beobachtete Tier war beringt. Die Fledermaus auf der neuen Aufnahme dagegen trug keinen Ring.
Damit war klar: Es handelte sich um ein anderes Individuum.
Für die Fachleute ist dies ein Hinweis darauf, dass der Lebensraum im Raum Schaffhausen ein gewisses Potenzial für die Grosse Hufeisennase bietet. Die bisherigen Untersuchungen liefern allerdings keinen Hinweis auf ein grösseres Vorkommen oder eine Wochenstube in der untersuchten Region. (sh.ch)
Im 19. Jahrhundert war die Grosse Hufeisennase noch deutlich weiter verbreitet.
Danach gingen ihre Bestände stark zurück.
Zu den Ursachen gehören laut Kanton Schaffhausen der Verlust geeigneter Quartiere und Lebensräume sowie der Einsatz von Pestiziden.
Heute sind schweizweit nur noch vier Wochenstubenkolonien bekannt, in denen Grosse Hufeisennasen ihre Jungen aufziehen. (sh.ch)
Die Tiere suchen ihre Nahrung vor allem in lichten Wäldern und strukturreichen Landschaften. Sie ernähren sich insbesondere von grösseren Käfern und Faltern.
Ihren ungewöhnlichen Namen verdankt die Art der charakteristischen Form ihrer Nase.
Fledermäuse besitzen eine faszinierende Fähigkeit: die Echoortung.
Sie erzeugen Ultraschallrufe und können anhand der zurückkehrenden Echos Informationen über ihre Umgebung erhalten.
So können sie sich auch in der Dunkelheit orientieren und Beute finden.
Forschende nutzen genau diese Rufe, um Fledermausarten zu erkennen und mehr darüber herauszufinden, welche Lebensräume sie benötigen. Die WSL verwendet dafür unter anderem Verfahren zur automatischen Erkennung von Fledermausrufen. (wsl.ch)
Die Grosse Hufeisennase ist ein besonders eindrückliches Beispiel, doch sie steht nicht allein.
Die WSL weist darauf hin, dass viele Fledermausarten gefährdet oder vom Aussterben bedroht sind, obwohl alle einheimischen Fledermausarten geschützt sind.
Es gibt aber auch vorsichtige positive Signale: Zählungen in bekannten Quartieren deuten bei einigen Arten auf eine langsame Erholung hin. (wsl.ch)
Auch mitten in Zürich leben Fledermäuse.
In der Stadt wurden 14 Fledermausarten nachgewiesen, gut die Hälfte davon regelmässig. Einige Arten kommen mit dem städtischen Lebensraum vergleichsweise gut zurecht, andere reagieren empfindlich auf künstliches Licht und benötigen beispielsweise dunkle Gewässer und unbeleuchtete Verbindungskorridore. (stadt-zuerich.ch)
Unnötiges Licht vermeiden.
Künstliche Beleuchtung kann insbesondere lichtempfindliche Arten beeinträchtigen. Wo Licht nicht benötigt wird, kann Dunkelheit wertvoller Lebensraum sein. (stadt-zuerich.ch)
Quartiere an Gebäuden schützen.
Fledermäuse können unbemerkt in Estrichen, Zwischendächern oder Fassadenspalten leben. Bei Renovationen dürfen die Tiere nicht gestört oder getötet werden; ihre Verstecke müssen berücksichtigt werden. (stadt-zuerich.ch)
Naturnahe Lebensräume erhalten.
Waldränder, Hecken, Gewässer und andere miteinander verbundene Strukturen können wichtige Jagdgebiete und Verbindungskorridore darstellen. (sh.ch)
Bei gefundenen Fledermäusen Fachleute kontaktieren.
Wer eine Fledermaus findet oder bei Bauarbeiten ein Quartier entdeckt, sollte fachkundige Beratung einholen. Die Stadt Zürich verweist dafür unter anderem auf die Stiftung Fledermausschutz. (stadt-zuerich.ch)
Das vielleicht Spannendste an dieser Geschichte ist nicht nur die Fotografie selbst.
Menschen beobachteten ein Tier.
Sie stellten eine Frage.
Sie verfolgten seine Bewegungen.
Fachleute aus zwei Ländern arbeiteten zusammen.
Sie zeichneten Ultraschallrufe auf.
Sie installierten eine Kamera.
Und schliesslich erschien ein zweites Tier.
Damit war die Untersuchung aber nicht beendet.
Im Gegenteil.
Die Entdeckung führte zu neuen Fragen.
Gibt es weitere Grosse Hufeisennasen in der Region?
Welche Lebensräume benötigen sie?
Wo finden sie Nahrung?
Und was können wir tun, damit sie auch in Zukunft geeignete Orte zum Leben finden?
Genau solche Fragen möchten wir bei Bücher für die Zukunft stellen.
Kinder können die Natur vor ihrer eigenen Haustür entdecken:
Fliegen Fledermäuse am Abend über unseren Garten?
Gibt es sie in der Nähe unserer Schule?
Wie finden sie in völliger Dunkelheit ein kleines Insekt?
Warum brauchen manche Arten Dunkelheit?
Und was können wir selbst tun, um ihren Lebensraum zu schützen?
Wir müssen nicht sofort alle Antworten kennen.
Wir können zunächst beobachten.
Dann fragen.
Forschen.
Verstehen.
Und schliesslich überlegen, wie wir handeln können.
Denn der Schutz der Natur beginnt oft mit etwas ganz Einfachem: genauer hinzusehen und Fragen zu stellen.
Francisco Cantuarias Rey
Autor und Projektverantwortlicher
Bücher für die Zukunft
Literatur · Umweltbildung · Verantwortung
Baudepartement Kanton Schaffhausen, 21. Mai 2026 – Nachweis der Fledermausart Grosse Hufeisennase im Kanton Schaffhausen. Hauptquelle für den Nachweis, das Monitoring, die automatische Wildtierkamera und die Angaben zum Gefährdungsstatus. (sh.ch)
WSL – Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft – Informationen zu Fledermäusen, Echoortung, Lebensräumen und Gefährdung in der Schweiz. (wsl.ch)
Stadt Zürich – Informationen zu Fledermäusen im städtischen Raum, Lichtverschmutzung, Gebäuden und Schutzmassnahmen. (stadt-zuerich.ch)
info fauna – Schweizerisches Zentrum für die Kartografie der Fauna – Informationen zu Gefährdungsursachen und Fledermausschutz in der Schweiz. (infofauna.ch)