Natur & Zukunft | Schweiz · Artenschutz & Biodiversität
29. August 2026
Von Francisco Cantuarias Rey
Bücher für die Zukunft
Manchmal beginnt eine Geschichte des Artenschutzes mit einer einzigen aufmerksamen Beobachtung.
Am 1. April 2026 entdeckte eine Anwohnerin im Tierfehd bei Linthal im Kanton Glarus einen jungen Bartgeier am Boden. Der Vogel war stark geschwächt und konnte nicht mehr fliegen.
Die kantonale Wildhut wurde verständigt, fing das Tier ein und brachte es für Untersuchungen ins Tierspital Zürich.
Der junge Bartgeier litt unter schweren Gleichgewichts- und Koordinationsstörungen. Monate später sollte er jedoch wieder genau dort seine Flügel ausbreiten können, wo seine Rettung begonnen hatte. (Kanton Glarus)
Genetische Untersuchungen ermöglichten es den Fachleuten, den jungen Vogel eindeutig zu identifizieren.
Es handelt sich um Lepontino II, ein junges Bartgeiermännchen, das 2025 im Tessin in freier Wildbahn geschlüpft war.
Nach Angaben der Stiftung Pro Bartgeier ist er das zweite Jungtier des ersten Tessiner Bartgeier-Brutpaares. (Stiftung Pro Bartgeier)
Diese Information ist besonders interessant, weil sie zeigt, wie moderne Wissenschaft zum Artenschutz beitragen kann.
Federn, genetische Analysen, Beobachtungen und Sender ermöglichen es Forschenden, einzelne Tiere zu identifizieren und ihre Geschichte über grosse Entfernungen hinweg zu verfolgen.
Im Tierspital Zürich stellten die Fachleute schwere Gleichgewichts- und Koordinationsprobleme fest.
Solche Symptome können verschiedene Ursachen haben. Zu den möglichen Ursachen gehören bei Greifvögeln unter anderem Kollisionen und Bleivergiftungen.
Die Untersuchungen zeigten bei Lepontino II erhöhte Bleiwerte im Blut. Nach Angaben des Kantons Glarus reichten diese Werte allein jedoch nicht aus, um die starken Beschwerden vollständig zu erklären.
Die Fachleute vermuten deshalb, dass die Bleibelastung möglicherweise seine Vitalität und Reaktionsfähigkeit beeinträchtigt und dadurch eine Kollision begünstigt haben könnte. Dabei könnte der Vogel ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten haben.
Es handelt sich dabei um eine fachliche Vermutung – nicht um eine abschliessend bewiesene Ursache. (Kanton Glarus)
Genau diese Unterscheidung ist wichtig:
Wissenschaft bedeutet auch, klar zu sagen, was wir wissen – und was wir noch nicht sicher wissen.
Nach der ersten Behandlung im Tierspital Zürich wurde Lepontino II in die Wildtier-Pflegestation des Natur- und Tierparks Goldau gebracht.
Dort begann eine lange Phase der Rehabilitation.
Das Tier wurde über mehrere Monate intensiv gepflegt und behandelt. Seine Koordinationsfähigkeit verbesserte sich zunehmend.
Doch für einen Bartgeier reicht es nicht, wieder gesund auszusehen.
Er muss fliegen können.
Und zwar so gut, dass er in den Bergen selbstständig überleben kann.
Deshalb wurden mit Lepontino II Flugtests durchgeführt. Diese zeigten schliesslich, dass er wieder sicher starten und schnell an Höhe gewinnen konnte.
Damit war eine entscheidende Voraussetzung für seine Rückkehr in die Natur erfüllt. (Stiftung Pro Bartgeier)
Am 18. August 2026 wurde Lepontino II in Linthal wieder freigelassen.
Die Auswilderung wurde von der Stiftung Pro Bartgeier gemeinsam mit der kantonalen Wildhut durchgeführt.
Nach Monaten der Behandlung war der junge Vogel wieder dort, wo ein Bartgeier hingehört:
in der freien Natur. (Kanton Glarus)
Doch mit seiner Freilassung endet die Geschichte nicht.
Lepontino II trägt einen Sender. Damit können Fachleute seine Bewegungen nach seiner Rückkehr in die Wildnis verfolgen und bei Problemen reagieren. (Stiftung Pro Bartgeier)
Die Geschichte eines einzelnen Bartgeiers bekommt eine noch grössere Bedeutung, wenn wir die Geschichte seiner Art betrachten.
Bartgeier wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts im gesamten Alpenraum ausgerottet.
Erst in den 1980er-Jahren begann ein internationales Wiederansiedlungsprojekt. Die Schweiz beteiligt sich seit 1991 daran. (Kanton Glarus)
Heute gibt es wieder Bartgeier, die in den Alpen selbstständig brüten.
Nach aktuellen Angaben der Stiftung Pro Bartgeier bestehen in der Schweiz 35 erfolgreiche Brutterritorien. (Stiftung Pro Bartgeier)
Das ist ein bemerkenswerter Erfolg des Artenschutzes.
Aber es bedeutet nicht, dass die Arbeit abgeschlossen ist.
Die Tiere müssen weiterhin beobachtet werden, mögliche Gefahren müssen erkannt und Lebensräume geschützt werden.
Die Geschichte von Lepontino II zeigt, dass der Schutz eines Wildtiers viele Menschen und unterschiedliche Fachgebiete zusammenbringen kann.
Eine Anwohnerin beobachtet etwas Ungewöhnliches und meldet es.
Die Wildhut reagiert.
Tierärztinnen und Tierärzte untersuchen und behandeln das Tier.
Genetische Analysen helfen bei seiner Identifizierung.
Eine Wildtierstation übernimmt die Rehabilitation.
Fachleute prüfen seine Flugfähigkeit.
Und nach seiner Freilassung ermöglicht moderne Technik, seinen weiteren Weg zu beobachten.
Artenschutz ist Teamarbeit.
Die Geschichte von Lepontino II zeigt auch, wie wichtig richtiges Verhalten sein kann.
Beobachten und Abstand halten.
Ein Wildtier sollte nicht unnötig gestört oder verfolgt werden.
Nicht eigenmächtig einfangen.
Besonders bei grossen Wildvögeln können falsche Rettungsversuche für Mensch und Tier gefährlich werden.
Fachleute informieren.
Bei einem offensichtlich verletzten, geschwächten oder flugunfähigen Wildtier sollten die zuständigen Wildhüter, Wildtierfachstellen oder Behörden kontaktiert werden.
Den Fundort möglichst genau beschreiben.
Eine genaue Ortsangabe und sachliche Beobachtungen können Fachleuten helfen, die Situation einzuschätzen.
Bei Lepontino II war genau diese Aufmerksamkeit entscheidend: Eine Person bemerkte, dass etwas nicht stimmte, und informierte die zuständige Stelle. (Stiftung Pro Bartgeier)
Bei Bücher für die Zukunft möchten wir Kinder dazu ermutigen, genau hinzusehen.
Nicht jedes Tier, das wir beobachten, braucht unsere Hilfe.
Aber jede Beobachtung kann eine Frage auslösen.
Warum konnte Lepontino II nicht mehr fliegen?
Wie konnten Fachleute herausfinden, welcher Bartgeier vor ihnen stand?
Wie funktioniert ein GPS-Sender bei einem Wildvogel?
Warum verschwanden Bartgeier einst aus den Alpen?
Und wie kann eine Tierart zurückkehren, nachdem sie in einer ganzen Region ausgerottet wurde?
Lepontino II erzählt uns deshalb mehr als die Geschichte eines geretteten Vogels.
Seine Geschichte zeigt, was möglich werden kann, wenn Menschen beobachten, forschen, zusammenarbeiten und handeln.
Vor etwas mehr als hundert Jahren verschwand der Bartgeier aus den Alpen.
Heute zieht ein junger Bartgeier namens Lepontino II wieder seine Kreise über Linthal.
Beobachten · Fragen · Forschen · Verstehen · Handeln
Francisco Cantuarias Rey
Autor und Projektverantwortlicher
Bücher für die Zukunft
Literatur · Umweltbildung · Verantwortung
Kanton Glarus – Departement Bau und Umwelt, 26. August 2026 – Bartgeier Lepontino II kehrt in die Freiheit zurück. Hauptquelle zu Fund, medizinischen Untersuchungen, Rehabilitation, Freilassung und Wiederansiedlung des Bartgeiers. (Kanton Glarus)
Originalmeldung des Kantons Glarus
Stiftung Pro Bartgeier, 26. August 2026 – Die Rückkehr von Lepontino II. Informationen zu Herkunft, genetischer Identifizierung, Rehabilitation und Flugtests. (Stiftung Pro Bartgeier)
Bericht der Stiftung Pro Bartgeier
Stiftung Pro Bartgeier, aktuelle Informationen zur Überwachung von Lepontino II und zur Entwicklung der Bartgeierpopulation in der Schweiz. (Stiftung Pro Bartgeier)